Ahmed Arif »Vor Sehnsucht nach dir habe ich die Fesseln abgetragen«

Nelkengasse

An allen Horizonten zog der Winter ein,
in den vier Himmelsrichtungen, den sechzehn Winden,
und die sieben Klimazonen, die fünf Kontinente
liegen alle unter dem Schnee.
Wir wollen uns auf allen Ebenen treffen –
Geleisen, Asphalt, Chausseen, Schotterwegen,
mein steiler Weg, mein Saumpfad,
Taurus, Antitaurus und unbändiger Euphrat,
Tabak-, Baumwoll-, Weizenebenen, Reisfelder,
meine Heimat der ganzen Länge nach
liegt unter dem Schnee.

Es gibt auch jene, die bei diesem Wetter kämpfen,
Hände und Füße erfroren, das Herz eine Hölle,
die Hoffnung voll Zorn und Trauer,
die Hoffnung so brillant ehrenhaft,
hat sich in die Berge zurückgezogen,
liegt unter dem Schnee.

Ich kenne zu Lawinen erstarrte Lieder,
Bilder, Statuen, Epen,
das Werk von Meisterhänden,
die halbnackte armlose Venus,
die Trans-Nonain-Gasse,
das Grab von Garcia Lorca
und die Pupillen von Pierre Curie,
sie alle liegen unter dem Schnee.

Mauern aus festen geduldigen Steinen,
unter dem Schnee liegende Vorstädte,
mein ersehntes Ankara ziert sich.
Die Wölfe müssten das neblige Wetter lieben,
der Dezember müsste auf dem Asphalt umhergehen,
ihn mag ich nicht,
er ist ein gräßlicher Monat.
Einen anderen jedoch kenne ich nicht.
Wer weiß, in welchem Frühling wir uns treffen,
mein Herz, diese grausame Liebe,
liegt unterm Schnee.

In all den Gecekondus ist die Luft dunkel und neblig,
Die Vorstadtkinder,
der Himmel über Altindag voller Wolken.
die über das Brot, die Liebe und das Leben herrschen,
mit ihren kleinen Lungen und großen Händen,
deren Atem nicht einmal bis in ihre Handflächen reicht,
– alle im Volksschulalter –
stehen unterm Schnee.

Doch am jenseitigen Ufer des Hatip-Baches ist es lau,
die Boulevards in Yenisehir sind in heiterer Stimmung,
in der Nelkengasse scheint die Sonne.
Nicht, daß Gottes Ratschluß unerforschlich wäre,
ich jedoch kenne »die notwendigen Beweggründe«
und »genügend Beweismittel« liegen vor...

In der Nelkengasse ist eine Orangerie,
in der Orangerie ein Keramiktopf,
im Blau schlendert ein Sproß vorüber,
ein feuerrotes Lied über den Brand,
laßt euch nicht davon verblenden,
daß er im Topf heranwächst,
seine Wurzeln sind in Altindag und Incesu.

Erst im Jahr 1968 erschien ein Teil der Gedichte Ahmed Arifs in dem Buch »Hazretinden prangalar eskittim«. Dieses Buch blieb lange sein einziges, ein weiterer Gedichtband erschien erst posthum, die übrigen Gedichte wurden entweder nur vereinzelt in Zeitschriften veröffentlicht oder überhaupt nicht. Ahmed Arif wurde dennoch zu einem der meistgelesenen Lyriker der Türkei. Bis heute erschienen 49 Neuauflagen seines Buches und es gab unzählige Raubdrucke. Zudem verwenden viele linke Musikgruppen und Sänger in ihren Texten Ausschnitte aus seinen Gedichten. Ahmed Arif starb 1991 im Alter von 64 Jahren in Ankara.
Ahmed Arif wurde 1927 als Ahmed Önal in Diyarbakir geboren. Er wuchs in einer multikulturellen Umgebung auf und beherrschte neben dem Türkischen Dimilki (Zaza), Kurmanci (Kurdisch) und Arabisch. Ab 1943 schrieb er, noch als Gymnasiast, seine ersten Gedichte und veröffentlichte einige davon in linken Literaturzeitschriften. 1947/48 nahm Arif in Ankara ein Philosophiestudium auf.

In dieser Zeit schrieb er das Gedicht »33 Kugeln«, das für ihn polizeiliche Repressalien nach sich zog und in der türkischen Gesellschaft heftige Reaktionen auslöste. Ahmed Arif wurde 1950 und erneut 1952 bis 1953 eingesperrt und mit anderen zusammen wegen »kommunistischer Propaganda« nach § 141 des damaligen türkischen Strafgesetzbuches, der aus dem StGB des Italiens von Mussolini übernommen worden war, angeklagt und zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt. Nach der Entlassung aus dem Gefängnis 1953 mußte er sein Studium abbrechen. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt weiterhin, wie schon während seiner Studienzeit, durch Lektoratsarbeiten und technische Arbeiten und als Sekretär bei verschiedenen Zeitungen und gelegentlichen Veröffentlichungen seiner Gedichte in Literaturzeitschriften.

Deine Liebe

Sie hat mich nie verlassen, deine Liebe,
ich litt Hunger, ich litt Durst,
verräterisch war die Nacht, finster,
sonderbare Seele, schweigsam,
die zerfetzte Seele...
und meine Hände in Handschellen,
ich war ohne Tabak, ohne Schlaf,
doch deine Liebe hat mich nie verlassen...

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