Elke Windisch »Zentralasien. Politische Reisereportagen«
»Blickt man auf die neunziger Jahre zurück, so haben die USA seinerzeit alles getan, um die Erdöl- und Erdgaszufuhr aus Zentralasien - aus Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan - nach Pakistan und Indien unter ihre Kontrolle zu bekommen. Das ist ein wesentlicher Grund für all das, was uns heute um die Ohren fliegt.«

Willy Wimmer (CDU) im »Freitag« 31/2007
   
Raschid handelt mit Selbstgebranntem: Tönernen Pfeifen, wie sie die Wüstennomaden gewöhnlich zum Schlangenbeschwören nutzen. Auf der Suche nach Denkmälern aus der Kuschan-Zeit sind wir im äußersten Süden Usbekistans angekommen. In Termez. Dort, wo 1989 der letzte sowjetische Panzer aus Afghanistan in die Heimat gerollt ist. Ich liebe die schwarze Brücke, eine filigrane Metallkonstruktion, die unter der weißen Sonne scharfe Schatten auf das türkisblaue Wasser des Amu-Darja wirft. Jetzt, im Sommer 2000, bekomme ich sie nicht einmal aus der Ferne zu sehen. In elf Kilometer Entfernung schon versperrt uns ein Stacheldrahtverhau die Weiterfahrt, davor zwei grimmig dreinblickende usbekische Soldaten, das Gewehr im Anschlag. Stacheldrahtverhau auch unten am Fluss, direkt in der Stadt Am anderen Ufer, im afghanischen Flusshafen Hayraton, schaukeln ein paar Boote im verlassenen Hafenbecken. Die Taliban, die auf der Kaimauer patrouillieren – mit dem Pakol, der Paschtunenmütze oder mit riesigen Turbanen – sind gut mit bloßem Auge zu erkennen. Nur auf dem Markt ist alles wie sonst, Obst und Gemüse, Hühner, Teppiche und Krimskrams wie die Tonpfeifen.
Heinz, mein Ko-Regisseur ist noch unentschlossen, outet sich aber als potentieller Käufer. Als solcher hat er nach den ungeschriebenen Gesetzen des Basars Anspruch auf ein Glas Tee und auf ein Gespräch unter Männern. Nicht über Frauen. Das schickt sich in einem muslimischen Land nicht und außerdem macht der auf beiden Seiten begrenzte russische Wortschatz da nicht mit. Daher lenkt der Pfeifenverkäufer das Gespräch auf internationale Politik. Wir Usbeken, so die unmissverständliche Botschaft an Moskowiter wie Teutonen, leben nicht hinter dem Mond.
»Wie heißt doch gleich euer neuer Präsident, Schneider?« erkundigt er sich. »Schröder heißt er. Gerhard Schröder«, sagt Heinz. Raschid holt eine Handvoll Nassybay, Kautabak mit leicht berauschender Wirkung, aus der Hosentasche und fordert die Gäste zum Zulangen auf: »So, so. Schröder also. Und was ist mit Kohl? Habt ihr den erschossen?«
Ein Machtwechsel durch demokratische Wahlen liegt für die Mehrheit der Usbeken außerhalb jeder Vorstellungskraft. Und nicht nur für sie.
...Es waren innenpolitische Interessen und geostrategische, die Washington nach 09/11 dazu verführten, sich auf das Abenteuer Afghanistan einzulassen. Zum einen erwartete die nach den Terror-Anschlägen zutiefst verunsicherte Bevölkerung einer Supermacht, die sich bis dato für unverwundbar hielt, von ihrer Führung einen angemessenen Gegenschlag. Zum anderen ging man im Oval Office – zu Recht – davon aus, dass die Weltöffentlichkeit angesichts der neuen Bedrohungen die geografische Erweiterung der US-amerikanischen Einflusszone als das mit Abstand geringere Übel und unvermeidlichen Kollateralschaden wegstecken würde. Einen schlüssigen Plan für die nationale Aussöhnung und den Wiederaufbau Afghanistans, eines von inzwischen fast dreißig Jahren Krieg und Wirren geschundenen und verwüsteten Landes, gab es in Washington daher nicht, als am 7. Oktober 2001 die Anti-Terror-Operation anlief. Learning by doing war angesagt. Und es gab viel zu lernen.
Bis die Terrorpiloten am 11. September die Flugzeuge in die Zwillingstürme rammten, war Afghanistan für das christliche Abendland ein weißer Fleck oder ein schwarzes Loch. Die menschliche Dimension der Tragödie am Hindukusch nahm außer ein paar mutigen Hilfsorganisationen aller Konfessionen kaum jemand wahr. Ausnahme: Iran und Russland. Sie sind die einzigen, die die Nordallianz von Mudschahiddin-Präsident Rabbani und Schah Massoud lange vor Beginn der westlichen Anti-Terror-Operation auch militärisch im Kampf gegen die Taliban unterstützten. Nahezu allein müssen sie im Februar 2001 auch mit dem Flüchtlingsdrama an der tadschikisch-afghanischen Grenze fertig werden.
....Russland und die USA, Europa und China, das sich mit langfristigem Engagement in Turkmenistan auch einen direkten Zugang zur Kaspi-See sichern will, mehr und mehr aber auch die Türkei und Iran, liefern sich daher am Meer der Chasaren einen Verdrängungswettbewerb, der mit immer härteren Bandagen geführt wird. Dabei geht es in erster Linie um Zugriff auf die Öl- und Gasvorkommen der Region und ihre Transportwege. Wer sie und die sich rasant verknappenden Wasserressourcen kontrolliert, kann den Herrschenden der Region auch politisch das Gesetz des Handelns diktieren. Momentan hat Russland bei dem Gerangel die Nase vorn. Zumal die USA auf Moskaus Interessen in Zentralasien Rücksicht nehmen müssen, weil sie russische Hilfe in Afghanistan dringender denn je brauchen. So dringend, dass die NATO bis auf weiteres sogar Russlands Konflikt mit dem prowestlichen Georgien um dessen abtrünnige Regionen Südossetien und Abchasien in den Hintergrund rückt. Fogh Rasmussen, der neue Generalsekretär der Allianz, machte das bei seinem Antrittsbesuch in Moskau Anfang Dezember 2009 unmissverständlich deutlich. Ebenso gekonnt spielt Moskau die afghanische Karte bei den Verhandlungen über ein Folgeabkommen für den im gleichen Monat ausgelaufenen START 1-Vertrag zur Begrenzung strategischer Rüstungen – über die mit Kernsprengköpfen bestückten Langstreckenraketen – aus, mit dem auch der Atomwaffensperrvertrag steht und fällt.
Mit Afghanistan und der Aufrechterhaltung seines Einflusses in Zentralasien hat indirekt auch die Ablehnung schärferer Sanktionen gegen den Iran wegen dessen Kernforschungsprogramm zu tun, die Russland und China durch ihr Veto im UN-Sicherheitsrat verhindern. Obwohl Moskau mit der Theokratie in Teheran nicht allzu viel am Hut hat und Russlands Verhältnis zu Iran zudem historisch extrem belastet ist. Zur Normalität fanden beide erst vor weniger als einem Menschenalter. Dennoch käme Moskau nichts ungelegener als ein Regimewechsel: Die Nachfolger der Mullahs würden einen prowestlichen Kurs fahren, die Nabucco-Pipeline mit iranischem Gas befüllen und den Nachschub für die Afghanistan-Operation über Iran abwickeln....Mit kleinen roten Schritten tastet sich die Sonne über den Horizont und bringt die Gletscher der Sechstausender zum Glühen. Als Pastell-Kopie fällt ein Abglanz der Farborgie auf das silberne Band des Pandsch. Rosa Reif glitzert auf Sand und Röhricht. Doch die vier Männer im Schilf haben keinen Blick für all die Schönheit. Sie gehören zum Aufklärungsbataillon der 13. Moskauer Grenzbrigade, die hier Dienst schiebt. Ihr Abschnitt ist Anfang 2001 einer der heißesten an der insgesamt 1475 Kilometer und 67 Zentimeter langen Demarkationslinie zwischen Afghanistan und der Ex-Sowjetrepublik Tadschikistan, einem bitterarmen, vom Bürgerkrieg zerrütteten Land, das seine Grenzen mit eigener Kraft nicht verteidigen kann. Seit 1994 stehen daher die Russen für den Ernstfall bereit, der jeden Tag eintreten kann: Im Herbst rückten die Taliban unmittelbar bis ans jenseitige Ufer des Pandsch vor. Der russische Posten liegt für ihre Scharfschützen förmlich auf dem Präsentierteller. Die Luft ist daher so bleihaltig, dass sich sogar die Vögel das Zwitschern abgewöhnt haben. Nur ein Kind schreit, langgezogen und mit dünner Stimme.
Im Herbst, wenn von den Gletschern kein Wasser mehr kommt, bilden sich im Pandsch schmale Inseln. Auf die haben sich inzwischen rund 2000, vielleicht sogar 5000 Menschen vor den Kriegswirren in Afghanistan geflüchtet. Dicht an dicht drängen sich primitive Schilfhütten auf dem Treibsand. Nur selten hängt vor dem Eingang eine Decke. Die meisten müssen sich als Windschutz mit Bettlaken behelfen. Obwohl das Thermometer nachts unter minus zehn Grad sinkt. Unförmige Gestalten huschen zwischen den Hütten umher: Frauen, Kinder und Männer, die mehrere Schichten Kleidung auf dem Leib tragen. Häufig das einzige, was sie bei der Flucht retten konnten.
Es mangelt an allem: Decken, Medikamente, Lebensmittel, Tee. Bereits Kerzen, Streichhölzer und Brennholz gelten als Inbegriff von Luxus. Allmählich gehen auch die 18 Tonnen Mehl zur Neige, die das UN-Flüchtlingshilfswerk und der Internationale Rote Halbmond im November verteilten. An Nachschub ist nicht zu denken. Helfer riskieren bei der Flüchtlingsbetreuung Kopf und Kragen, denn die improvisierten Lager im Niemandsland liegen direkt zwischen den Fronten.
Faisulló, 43 und Vater von sechs Kindern, hält es für einen reinen Glücksfall, das bisher niemand zu Schaden kam. Wenn die Taliban die russischen Grenzer am anderen Ufer aufs Korn nehmen, pfeifen die MG-Salven direkt über die Hütten hinweg. Er, sagt Faisulló, habe allein im Februar 22 Angriffe gezählt. Dann rollt er im Sand den Fetzen von Gebetsteppich aus und verbeugt sich nach Südwesten Richtung Mekka. Bitten um Brot und etwas Wärme rangieren in seinem Gebet unter ferner liefen. Allah, so Faisullós dringlichstes Anliegen, möge den Soldaten hüben und drüben Vernunft schenken, damit er und die Seinen der Todesfalle entrinnen können.
Die Russen am linken Ufer haben strikten Befehl, niemanden ins Land zu lassen und sind nach Anbruch der Dunkelheit gehalten, auf alles, was sich bewegt zu schießen. Ohne Anruf. Denn Tadschikistan weigert sich beharrlich, die Flüchtlinge aufzunehmen. Nicht einmal Appelle des UN-Flüchtlingshilfswerks UNCHR konnten die Regierung in Duschanbe umstimmen. Präsident Imomali Rachmonow redete sich im Staatsfernsehen mit eigenen Schwierigkeiten heraus.
Wirtschaft und Infrastruktur liegen seit den Kämpfen Anfang der Neunziger am Boden. Im letzten Sommer vernichtete die Dürre noch dazu rund 70 Prozent der Ernte im Süden Tadschikistans. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO sind dort 280.000 Menschen akut von Hunger bedroht.
Hauptgrund für Rachmonows Ablehnung ist indes nicht die Missernte, sondern Furcht vor einem neuen Krieg. Der im Juni 1997 unter UN-Ägide ausgehandelte Frieden bröckelt, aus den Abkommen ist der radikale Flügel der Opposition bereits ausgestiegen. Gerade er aber wurde im Bürgerkrieg von den Mudschahiddin unterstützt – ethnischen Tadschiken, die im Norden Afghanistans die Bevölkerungsmehrheit stellen und jetzt in der so genannten Nordallianz gegen die Taliban kämpfen. Die Mudschaheddin, so die Befürchtungen der Führung in Duschanbe, könnten sich unter die Flüchtlinge mischen und erneut den Schulterschluss mit der tadschikischen Opposition proben, um die Machtverhältnisse zu ändern.
Hohe Politik interessiere ihn nicht, hält Faisulló auf seiner Insel dagegen: »Wir haben 1992 über 350 000 Brüder und Schwestern bei uns aufgenommen und das letzte Stückchen Brot mit ihnen geteilt. Das ist nun der Dank dafür. Allah, Allah, was soll aus uns nur werden?«
Gute Frage, denn zurück ans eigene Ufer können die Inselflüchtlinge nicht. Die Herrschaft der Nordallianz beschränkt sich momentan auf den äußersten Nordosten Afghanistans. Rund 85 Prozent des Landes kontrollieren die Taliban, ethnische Paschtunen aus dem Süden und sunnitische Muslime. Mit den Völkern im Norden verbindet sie seit Jahrhunderten herzliche Feindschaft. In den Siedlungen der Tadschiken, Usbeken und Hazará, die sie bei der großen Offensive im letzten Herbst eroberten, ließen die Taliban daher eine Stallwache von 60 - 70 Kämpfern zurück. Die verwehren den Flüchtlingen jetzt die Rückkehr.
Prolog
Teil I: Anahita, Ahura Mazda und Allah der unerfüllte Traum von sozialer Gerechtigkeit
Die Akte Zarathustra
Die Achämeniden
Götterdämmerung im Lichtreich
Hyperborea: Das Land über dem Schneesturm
Grenzübergang »Freundschaft«
Teil II: Blaue Kuppeln und goldene Paradiesvögel - Im Land der tausend Städte
Buchara: Kalifen, Khane, Kaiser
»Ich schminke keine Leichen«
Alischers Paradiesvögel
Weiße Jurten und roter Sand
Teil III: Dornenpfad in die Moderne
Zurück in die Zukunft – nationale Emanzipation und historische Kontinuität
Teil IV: Königspoker am Meer der Chasaren – Energie
Es muss immer Kaviar sein
Hazar denizi – Das türkische Meer
Die Tankstelle der Zukunft
Teil V: Die Tränen Anahitas – Wasser
Tochtogul – Kirgisiens Rungholt
Teniz – die Wiedergeburt eines Meeres
Ein selten dämlicher Hund
Der weiße Fluch Choresmiens
Zeitbombe Karakalpakistan
Anahitas Rache
Hoffnung für Doschyak
Teil VI: Verdorrte Tulpen - Eine Revolution wird zum Rohrkrepierer
Einmal gewählt, immer gewählt
Politische Physik
Die Nacht der langen Messer
Rosa Schnee
Teil VII: Mission UmmaAuslaufmodell Laizismus
Pulverfass Fergana-Tal
Schwarzer Tee hat mehr Kalorien
Teil VIII: Schachroch am Hindukusch
Die neunzehnte Kerze
Auge um Auge, Zahn um Zahn
Eine typisch afghanische Biografie
Warten auf den Tod
Der kalte Frieden
Schnitt für Kabul
Heimkehr in ein fremdes Land
Bemetrinasa
Der Stoff, aus dem die Tränen sind
Wild Card Playing
Teil VIII: Die unvollendete Revolution
Epilog
Karten
Zeittafel
Personen- und Ortsregister
Weiterführende Literatur
  zurück