Von Nasen und Birnen. Form und Funktion von Karikaturen und Satire im internationalen Vergleich

Der Franzose Charles Philipon zeichnete 1831 das edle Haupt von Louis-Philippe, Herzog von Orléans, des ersten "Bürgerkönig" von Frankreich, als Birne. Schlimmer noch, der Monarchenschädel reift in vier Zeichnungen zu Fallobst heran. Der Zeichner wurde wegen Majestätsbeleidigung zu 6000 Francs Strafe verurteilt, eine enorme Summe damals. Zur Finanzierung seiner Strafe liess Philipon die Zeichnungen als Lithographien drucken und verkaufen. Und Louis-Philippe hatte seinen Spitznamen weg: die Birne. Die Pariser hatten fortan vor allem im goldenen Herbst auf den Märkten viel zu lachen. Die Birne verlegende Zeitschrift hieß "La Caricature". Sie machte den Begriff populär, der seitdem für die Waffe der Lächerlichkeit gegen die Macht steht. In Deutschland tauchen im Vormärz die ersten politischen Karikaturen auf. 1844 erschienen der "Münchner Bilderbogen" und die "Fliegenden Blätter". Einer der heute bekanntesten Mitarbeiter war Wilhelm Busch. In Bildergeschichten wie "Die fromme Helene" (1872), karikierte er die frömmelnde Heuchelei der bürgerlicher Schichten des deutschen Biedermeier.

Das Wesen der Karikatur ist die Verzerrung und der Kontext. Die Karikatur benötigt einen Außenbezug um ihren Zweck zu erfüllen. Das ist auch die Basis für ihren politischen Zündstoff. Erst der Kontext schafft den Witz, dementsprechend tut der politisch Mächtige gut daran, ihn nicht herzustellen und die Satire zu ignorieren. Die Wenigsten vermögen das. Die Geschichte der Karikatur ist eine der Bekämpfung des durch sie ausgelösten anarchistischen Lachens. Charles Phillipon kam 1832 für ein halbes Jahr in das Gefängnis. Albert Langen, der Herausgeber des Münchner "Simplicissimus" emigrierte 1898 nach Frankreich, um der bayrischen Justiz zu entgehen. Fünf Jahre wurde die Satirezeitschrift von Paris aus geleitet.

In den Zeiten der Einführung von Verfassungen in Europa wurden auch die Osmanen vom Geist der Freiheit infiziert. Die ersten Satirehefte wurden von Angehörigen der religiösen Minderheiten herausgegeben. Sie hatten rege Kontakte in das Ausland und veröffentlichten meist sowohl auf Türkisch als auch auf Französisch. Das erste Heft erschien 1870. Es hiess "Diojen" nach dem griechischen Philosophen Diogenes (391/399 v. Chr.), der aus dem anatolischen Sinop von der Schwarzmeerküste stammt. Herausgeber war ein Armenier namens Teodor Kasap. Eine Karikatur zum Thema Zensur brachten dem Verleger eine Kerkerstrafe ein. Auslöser war eine in Kasaps nach der Schließung von Diojen erscheinenden Satire-Zeitschrift "Hayal" abgedruckte Zeichnung. Ein in Ketten gelegter Karagöz sagt, "Die Presse genießt doch Freiheit vor dem Gesetz." "Karagöz", "Schwarzauge", ist eine der Hauptfiguren des traditionellen osmanischen Schattentheaters. Er verkörpert den einfältigen Bauern aus dessen Mund das Unsagbare toleriert wird. Das Schattentheater war eigentlich ein Ort der Unterhaltung, aber auch eine institutionalisierte Möglichkeit der Kritik am Sultan und den Vertretern des Hofislam im osmanischen Reich. Dann folgte die Nase... Doch Sultan Abdülhamid II. verstand überhaupt keinen Spass. Ganz abgesehen von Kritik an seiner 1976 einsetzenden absolutistischen Herrschaft, empfand er Anspielungen auf sein wuchtiges Riechorgan als infame Majestätsbeleidigung. Selbst der Gebrauch des Wortes "Nase" wurde im gesamten Osmanischen Reich verboten. Zweiunddreissig Jahre lang blieb Abdülhamid II. alleiniger Beherrscher der Gläubigen und Sultan der Osmanen. In dieser Zeit wirkten die osmanischen Zeichner aus dem Exil. Vor allem die Nase hatte es ihnen angetan. Abdülhamid war wegen seiner repressiven Herrschaft einer der meistgezeichnetsten Herrscher jener Zeit. Neben den auf Türkisch und Französisch erscheinenden osmanischen Heften (London: Hayal, Dolap, Hamidiye; Zürich: Tokmak, Berberuhi; Kairo: Pinti, Curcuna) tauchte er auch in der europäischen Presse als Inbegriff des grausamen türkischen Herrschers auf. Die sich gerade emanzipierende europäische Gesellschaft spottete auch damals schon gern über die Rückständigkeit des "kranken Mannes am Bosporus". Dabei herrschte auch dort trotz oder gerade wegen der Repressalien Aufbruchstimmung. An der Spitze der publizistischen Emanzipationsbewegung standen die osmanischen Karikaturisten mit bislang unübertroffenen Variationen der Nase des Sultans.

(Herausgeberin Sabine Küper-Büsch)

Ich kann es nicht fassen. Wie kam es zum Ersten Weltkrieg der Karikaturisten?

Als Kind glaubte ich, der Erste Weltkrieg sei wegen eines den österreichischen Kronprinzen Franz Ferdinand tötenden serbischen Nationalisten ausgebrochen. So hatte man es uns in der zweiten oder dritten Klasse im Geschichtsunterricht beigebracht...Das Ende des Osmanischen Reiches war die Folge der Schwäche General Baltaci Mehmed Paschas für die Reize Katharinas der Großen. Nur deswegen habe er im Osmanisch-Russischen Krieg bei Pruth starke Zugeständnisse gemacht, obwohl die Russen fast geschlagen waren... Meine Grossmutter war davon überzeugt, dass die Deutschen im Zweiten Weltkrieg sechs Millionen Juden ermordeten, weil Hitler Juden hasste. Den Massenmord hätte es nach ihr nicht gegeben, wenn Hitler sich nicht in seiner Jugendzeit von der jüdischen Intelligenzija in Wien ausgeschlossen gefühlt hätte…

Ich war sehr überrascht als ich mich 2006 wieder wie ein Kinde behandelt fühlte! Die Großen erwarteten von mir zu glauben, dass der lange erwartete, alle weltpolitischen Zusammenhänge verändernde Kampf der Zivilisationen von Karikaturisten ausgelöst worden sei. Sie schritten sogar zur Tat, um das in die Geschichte eingehen zu lassen. Der Direktor des Gyldenals Verlages, Peter Mollerup, tat einen gewichtigen Schritt als er sagte: „Wir dürfen die Karikaturenkrise nicht vergessen. Die nachfolgenden Generationen müssen davon erfahren und daraus lernen. Wir wollen nicht provozieren, sondern das Thema in die Lehrbücher eingehen lassen, damit daraus gelernt werden kann“.

Wir waren so hoffnungsvoll auf das Zweite Jahrtausend zugeschritten… 1999 waren wir so optimistisch, eine Karikaturenausstellung zum Thema „Religionen“ zu organisieren. Als Ausstellungsort wurde eine gut erhaltene alte Gebetsstätte, eine Synagoge, ausgewählt. Zu unserer Ausstellung haben wir einhundertzwanzig bewährte Zeichner aus allen Teilen der Welt eingeladen und ihnen keinerlei Grenzen gesetzt.

Was hat sich seither verändert? Die Karikaturisten? Das Verständnis von Humor? Die allgemeine Stimmung?

(Izel Rozental zeichnet seit 1991 zeichnet Karikaturen für die jüdische Wochenzeitschrift ""Shalom “, seit 2004 ist er einer der Leitartikler der Satirezeitschrift „Güldiken “. Seit 1999 leitet Rozental den Kunstraum „Schneidertempel “. In der ehemaligen Synagoge im historischen Viertel Galata werden zeitgenössische Kunst und Karikaturen ausgestellt.)

Wollten Sie schon immer mal wissen, wie es bei den türkischen Karikaturisten zugeht? Hier unser Bericht aus Istanbul.
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