| Ivan Gogolev »Das dritte Auge« |
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Der schwarze Tod ereilte alle, verschonte keinen, weder jung noch alt, weder Mann noch Frau, alle raffte er erbarmungslos hin. Die Überlebenden zerstreuten sich über die kargen nordischen Wei- ten. Wo der schwarze Tod durchgezogen war, konnte man nur noch weiße Knochen schimmern sehen sterbliche Überreste der Toten, die nicht begraben worden waren. Menschen beobachteten, wie über diesen Leichnamen eine schwarze, wirre, knochige Alte tobte, wild und triumphierend schrie: »Der Pockentod! Der Pockentod ist erbarmungslos! Ich werde euch alle, alle vernichten!« In namenlosem Entsetzen vor dieser Gestalt gaben die Einwohner alles auf und verließen die vertrauten Gebiete, um ihr Leben zu retten. Diejenigen, die gezwungen waren zu bleiben, hüteten sich, auch nur ein lautes Wort zu sprechen. Sie töteten selbst ihre treuen Freunde, die Hunde, damit sie nicht durch ihr Gebell verraten wurden. |
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| Der ehrwürdige Greis, der weiße Schamane Baryylach, war auf seinem geliebten braunen Pferd, das mit seinem Herrn alt geworden war, in den Norden gezogen. An einem heißen Sommertag graste dieses Pferd im Schatten einer dichten Purpurweide. Ein einheimischer Jäger hielt es für einen Elch und traf es mit seinem tödlichen Pfeil. Der große Schamane war darüber sehr betrübt, doch umsichtig und vorausschauend übte er keine Rache. Freundlich, ruhig, unter Wahrung aller Gepflogenheiten, bat er den Führer des Stammes, dem der Jäger angehörte, für das getötete Pferd zu bezahlen. Dieser, ein ebenso weiser Mensch, hielt es für angemessen, der Bitte des Greises nachzukommen und ihm vierzig Reitrentiere zu schenken. So entwickelte sich eine Freundschaft, die für beide Seiten sehr vorteilhaft war. | |||||||||||
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Auch den Schamanen Baryylaach verschonte das Schicksal nicht. Binnen weniger Tage wurden seine Frau und vier Töchter von der Seuche hingerafft. Nur er selbst und seine jüngste Tochter überlebten. Sie hatten nicht einmal Zeit ihre Familie zu begraben, sondern flohen auf zwei Reitrentieren gen Norden, in unbekanntes finsteres Land. Bald hatten sie endgültig die Orientierung verloren und sich in den endlosen schweigenden Weiten verirrt. Sie ließen die Zügel der Rentiere schleifen und ritten betrübt dahin, in dem Wissen, daß nichts als ein qualvoller Hungertod sie erwartete. Schon nach wenigen Tagen verendeten die erschöpften Rentiere. Vater und Tochter blieben ganz allein, völlig sich selbst überlassen. Ringsumher keine Menschenseele, nur die eisigen Weiten, karg und unendlich. |
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| Doch das tote Pferd, so hieß es, war kein gewöhnliches Tier gewesen. Es war das Geschenk des großen himmlischen Geistes, der nun den Sterblichen zürnte und sich bald rächen würde. Tatsächlich wurden die Menschen alsbald von einer schrecklichen Seuche heimgesucht. Viele kleine Nordvölker wurden durch ihre gierige schwarze Hand vernichtet. Die entsetzten Menschen nannten sie den »schwarzen Tod«. | |||||||||||
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