Das Leben und Treiben in einem Altstadtviertel Bakus beschwört der sich an seine Kindheit erinnernde Erzähler als verlorenes Paradies. Diese abgeschiedene Welt der kleinen Leute bietet wunderlichen Käuzen und gestrandeten Weisen einen idealen Nährboden. Für den kleinen Alekber, der beim Anblick eines amerikanischen Füllfederhalters, diesem Wunderding von einem anderen Stern, beschließt, später einmal Bücher zu schreiben, ist dies das stimulierende Milieu seiner unstillbaren Neugierde. Aus diesem Blickwinkel heraus eröffnet sich dem Leser ein geheimnisvoller Mikrokosmos zwischen Spannungspolen des politischen Verrats und verbotener Liebe.
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs setzt die tragische Verwaisung des Viertels ein, begleitet von den in immer kürzeren Zeitabständen eintreffenden Todesnachrichten der eingezogenen Väter und Söhne. Im Mittelpunkt des Geschehens agiert die lebenserfahrene Emine Hala, deren fünf Söhne das Haus verlassen mußten. Diese alleinstehende Frau steht in einem mehr vom Koran als von marxistischer Ideologie geprägten Umfeld für Zivilcourage und Lebensklugheit.
Der Roman entfaltet vor dem düsteren Hintergrund der vierziger Jahre eine märchenhafte Gegenwelt, die sich aus orientalischen Erzählmotiven zusammensetzt. Der in den Tag hineinlebende Außenseiter des Viertels versammelt allabendlich die Kinder aus der Nachbarschaft unterm Maulbeerbaum und erzählt die verheißungsvollen Geschichten vom weißen Kamel, das in der islamischen Mythologie als Symbol für eine bessere Zukunft gilt. Elçins mit souveräner Meisterschaft konstruierter Roman verliert, trotz der vielen erzählerischen Querverweise, niemals den Faden einer vorurteilsfreien Bestandsaufnahme jüngerer sowjetischer Geschichte aus den Augen, bis zu dem sich in den achtziger Jahren anbahnenden politischen Umbruch. Dabei verzichtet er konsequent auf schwarz-weiße Rhetorik. Im Gegenteil, auch die lokalen Amtsinhaber und Parteigänger des Regimes werden differenziert dargestellt.
Elçin
»Das weiße Kamel«

Roman
Aus dem Aserbaidschanischen
von Alpaslan und Gökalp Bayramli

226 S., gebunden
€ 16,90
ISBN 978-3-935597-34-0

Elçin Kürsat wurde Ende der 50er Jahre mit Erzählungen, Novellen und literaturkritischen Arbeiten bekannt. In der Breschnewära erhielt er zwei Jahre Schreibverbot. Elçin übersetzte auch klassische und moderne Weltliteratur in das aserbaidschanische Türkisch.

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