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Die künstlerische Avantgarde der frühen Sowjetunion hatte unter dem bürokratischen und nicht zuletzt staatsterroristischen Regime der Stalinzeit schwer gelitten. Wladimir Majakowski hatte sich erschossen, der Komponist Dmitri Schostakowitsch wurde geschnitten, verleumdet und verboten; Michail Bulgakow kämpfte verzweifelt um seine künstlerische und menschliche Existenz. Bücher verschwanden aus den Bibliotheken, nicht wenige Dichter und Gelehrte in der Verbannung oder wurden zum Tode verurteilt. Der aus der Türkei in die Sowjetunion geflohene kommunistische Dichter Nâzım Hikmet berichtet von dem beredten Schweigen auf seine Frage nach den alten Freunden aus der Kulturszene der 1920er Jahre. Der »sozialistische Realismus« wurde Doktrin und Hammer gegen jedwede künstlerische Innovation. Die Kultur verkam zu einer Domäne der Speichellecker und Honorarpatrioten. Ein Umstand, den Maxim Gorki, der doch zum »Vater des sozialistischen Realismus« stilisiert wurde, sehr bedauerte. Brachten schon die 1930er Jahre eine in der Mehrzahl künstlerisch dürftige, an Seiten dafür um so opulentere Literatur hervor, die die keuschen Freuden der Mechanisierung des Landes oder die Großtaten der forcierten Industrialisierung beschrieb, waren die 1940er Jahre eine Ära der patriotischen Literatur. Neben den erschütternden Werken von Scholochow, Polewoi und vielen anderen, die das Grauen des Krieges beschrieben, erlebten historische Gestalten im literarischen Gewand ihre Auferstehung: Recken, Zaren, Führer …
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Kasachstan 1937. In Moskau wurden für jede einzelne Sowjetrepublik genaue Listen mit der Anzahl der zu bekämpfenden »Volksfeinde erster und zweiter Kategorie« aufgestellt. Für Kasachstan waren genau 750 »feindliche Elemente« geplant. Die »große Säuberung« diente in erster Linie der Stabilisierung der Stalinschen Herrschaft und der Ausschaltung der alten bolschewistischen Garde. Hier traf es vor allem die einheimische Intelligentsija, die von den Ideen der islamischen Aufklärungs- und Modernisierungsbewegung und den Versuchen der Alaasch Orda, eine unabhängige Republik zu gründen, beeinflusst war. Fast die gesamte geistige Elite des Landes sollte die Terrorwelle nicht überleben. Mehrere Hungersnöte, ausgelöst durch Zwangskollektivierungsmaßnahmen, taten ihr Übriges. Die kasachische Bevölkerung schrumpfte um ein Drittel, im Gegenzug wurden Tschetschenen, Inguschen, Koreaner, Polen und Wolgadeutsche nach Kasachstan zwangsumgesiedelt.
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Stalin ist tot, der Geheimdienstchef Berija entmachtet. Chrustschow verspricht die Abkehr vom Terror, von Führerkult und Feindparanoia. »Tauwetter« wird man diese Periode nennen, das Auftauen der eingefrorenen Welt nach dem II. Weltkrieg. Die 1950er Jahre sind eine Zeit des weltweiten Aufbruchs: Die Kinder des Krieges lernen Nein zu sagen und sich zu organisieren: die Ostermarschierer in Großbritannien und der Bundesrepublik, die Freie Deutsche Jugend in Ost und West, die Friedensinitiativen in Lateinamerika und Asien. Franz Fanon schreibt sein berühmtes »Die Verdammten dieser Erde«, Algerien erhebt sich gegen die französische Kolonialherrschaft, Indien wird unabhängig, es gärt in Indochina und Angola. Auf Kuba gelingt einer Handvoll Rebellen der Sturz des US-gestützten Batistaregimes. Die Hoffnung, dass sich die Vernunft gegen die Logik des Kalten Krieges durchsetzt, beherrscht auch die Jugend der Sowjetunion. Am besten beschrieben ist das Gefühl jener Jahre in Jewgeni Jewtuschenkos Erzählung »Pearl Harbour«, in der ein amerikanischer Ex-Marinesoldat, ein wegen Befehlsverweigerung verurteilter Kamikaze-Flieger und ein russischer Dichter in einem Flugzeug aufeinandertreffen.
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Oljas Süleymenov laboriert an der Kunst des literarischen Übersetzens am Gorki-Institut gemeinsam mit tschetschenischen, litauischen, tatarischen, aserbaidschanischen, armenischen Studenten, wohl an die fünfzig verschiedene Sprachen sind hier versammelt. Oljas beschließt, seine eigenen Gedichte gleich in russischer Sprache zu verfassen, um sie nicht der Interpretation durch die Übersetzung auszuliefern. Im Seminar soll er über das »Wort vom Heerzug Igors« referieren. Statt sich ein Lehrbuch herzunehmen, um die altbekannten Daten herunterzuspulen, geht er in die Bibliotheken, um mehr über den missglückten Feldzug der Ostslawen gegen die Polowzer zu erfahren. Die altbackenen Lehrmethoden am Literaturinstitut behagen ihm nicht. Wichtiger sind die Abende auf der »Mädchenetage« des Studentenwohnheimes. Schon, weil die Mädchen mit dem kargen studentischen Budget besser zu wirtschaften wissen. Die energische Sülamit verpflichtet ihn, während des Kochens Gedichte aufzuschreiben, die dann vorgetragen werden. Eines Abends findet das Essen andernorts statt: bei dem Dichter Boris Sluzki. Sülamit hat ihm Aufzeichnungen der Gedichte gezeigt und Sluzki erbittet sich eines davon. Er diskutiert eine Strophe: »Freunde, urteilt über die Kasachen nach mir.« Die Selbstbezogenheit der Aussage stört ihn. Wenn ein Kasache betrunken ist, sind dann alle Kasachen Trinker? Wären Karl Marx und Albert Einstein so vermessen gewesen, zu erwarten, dass man nach ihnen die Juden beurteilte? Boris Sluzki, der sich intensiv mit dem Schaffen Nâzım Hikmets beschäftigte, setzt polemisch nach: »Für mich waren alle Türken blauäugig, wie Nâzım … «
Um gleich darauf Hikmet zu zitieren: »Urteile über ein Volk nach seinen Poeten.« Für den jungen Süleymenov war dies der Schlüsselgedanke. Wie urteilt man über die Kasachen, wie über ihre Poesie? In der russischen Welt wusste man darüber fast nichts, in der restlichen — gar nichts.
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Oljas merkt, dass diese Art von Übersetzerei nichts für ihn ist, er bringt Gedichte in die Redaktion der Zeitschrift »Ogonjok« und dort wird redigiert und redigiert. Der nachlässige Student wird vor eine Versammlung des Institutes geladen und — rausgeschmissen. Was tun? Als Geologe will er nicht arbeiten, und die Übersetzerei …
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Der Student Süleymenov ist auch nach seinem Rauswurf aus dem Institut Gast im Wohnheim. Ein Fenster wird immer für ihn offen gelassen, mal schläft er hier, mal da. Er hält sich nicht nur auf der Mädchenetage auf, sondern auch bei der Familie Sülamits, die in Litauen lebt. Man singt dort die jiddischen Lieder über die Massaker an der jüdischen Bevölkerung, noch vor Eintreffen der Wehrmacht, über den Partisanenkampf, über Kolyma, das Straflager. »Sag nie, du gehst den letzten Weg.« Er liest in alten Enzyklopädien: »Kasachstan wird von 6 Millionen Menschen bevölkert.«
2 Millionen sind es zu jener Zeit. Womit wurde das Glück bezahlt, zu einer nationalen Minderheit zu zählen? Wer ist wo Minderheit, und warum? Die Zeitungen schweigen, das Poem antwortet: »Von Januar bis April«. Eines Tages klopft Oljas an die Tür von Sülamit, drückt ihr mit den Worten: »Ich verschwinde jetzt« ein Kassenbuch mit seinen Gedichten in die Hand. 1964 schickt er ihr einen Abdruck seines Poems in einer kasachischen Zeitung, weit weg von den Moskauer Zensoren und deutlicher in der Verarbeitung des »jüdischen Themas« und näher an den Aufzeichnungen in dem Kassenbuch. Sülamit bewahrt beide sorgfältig auf und macht sie 40 Jahre später in einem Artikel zugänglich:
»Ein schönes Wort kam
in den Sprachgebrauch,
ein langes, sehr schönes
Wort,
es gibt es auf Inguschisch,
Tschetschenisch, Kalmückisch,
auch auf Griechisch und
Kumykisch —
diese lange, sehr schöne
Wort.
Dem Schwarzen verzeiht
seine seltsame Haut,
dem Araber sein Musulmanentum
auch,
gestern hat der Vatikan (welch herrliche Zeit!),
die Juden re-ha-bi-li-tiert.
Nein, nicht die Juden haben
Christus gekreuzigt!
Zweitausend Jahre für ein
Volk —
zwanzig Jahre Kolyma,
zweitausend Jahre hinter
Stacheldraht,
schlug der Sträfling
Kiefernscheite
zwanzig Jahre — Kiefernscheite schlugen auch wir.
…
Eure Städte und Dörfer waren —
die Konzentrationslager.
Ich war in der Synagoge bei Rabbi Joffe,
an den Wänden — Fresken
der jüdischen Geschichte,
zu sehen war kein Christus und kein Golgatha!
Golgatha! …
Vor dem Bösen darf man nicht
die Augen niederschlagen,
die von Tränen der Erniedrigung
schwimmenden.
Sag nie, das ist für uns
der letzte Weg!
Wer nicht entbrannte noch in sieben
Generationen,
der hat kein Recht —
nicht zum Aufstand,
noch auf die Wärme
des Kiefernscheites.«
Dieses Poem ist programmatisch: Der Vatikan verkündet, die Juden wurden re-ha-bi-li-tiert. Nach den Schauprozessen gegen jüdische Politiker und Ärzte durften zu Beginn der 1960er Jahre wieder jüdische Künstler auftreten. Eine Hoffnung, eine leise. Tauwetter.
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Von Januar bis April. Vom Winter zum Frühling. Von den litauischen Massengräbern zum Bildnis des lachenden Wladimir Iljitsch Lenin. Von Auschwitz zu den Statuen von Kolumbus und Dschingis Khan. Blumen für Hitler? Welch ein Bogen. Mut bewies der junge Lyriker. Zwar war Stalin tot, nicht aber die bürokratische Maschinerie und die Autoritätshörigkeit. »Vorbei das Jahrhundert der Führer … « Und dann Lenin, umringt von den Sibirjaken, den Inorodzy, den Fremdstämmigen. Der Begriff stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, und bezeichnete gleichermaßen die nichtrussischen Minderheiten (aus den eroberten Gebieten) und die Juden. Aus dem Status des »Fremdstämmigen« gab es kein Entkommen. Dass der Führer der Revolution den verachteteten »Fremdstämmigen« zuhört, ist kein unwichtiges Detail. Lenin steht für die antikoloniale Politik der Bolschewiki, die Gleichheit des Menschen im urkommunistischen Sinne. Lenin steht für alles, was Stalin nicht ist. Der kranke Lenin, angeschossen von der psychisch kranken Attentäterin Kaplan, erlebt noch das Aufdämmern einer kranken Ära: den Bonapartismus des Jossif Wissarionowitsch Dshugash-wili — Stalin, der Stählerne, wie sein Kampfname lautet. Ausgerechnet der georgische Berufsrevolutionär spielte hervorragend auf der Klaviatur des großrussischen Chauvinismus. Der proklamierte »proletarische Internationalismus« wurde konterkariert durch die Fortsetzung der zaristischen Kolonialpolitik in roter Camouflage. Minderheiten wurden nach strategischen Gesichtspunkten umgesiedelt, das Bemühen um den Erhalt der eigenen Sprache in »Nationalismus« umgedeutet. Die Sanktionen waren erbarmungslos. Im Poem ist die Rede von den unvollendeten Gemälden, den Skizzen. Die Sowjetunion war dem Dichter ebenso ein Unvollendetes, ein Versprechen. »Die Sibirjaken lauschen dem Unerhörten.«
Die finstre Stadt Kasan im Rücken des lachenden Iljitsch. Die tatarische Hauptstadt ist mehr als alles ein Symbol des verkorksten Verhältnisses Russlands zu seinen türkischen Wurzeln. Seit den Zeiten Iwan des Schrecklichen bemühte man sich mit Erfolg, die türksprachigen Minderheiten zu assimilieren oder zu eliminieren, vergessen ist der Titel des Begründers Russlands, Wladimir Monomachs: Khan Wladimir. »Hej, Polowezer Land.« Oljas Süleymenov setzt seine Studien zum »Igorlied« fort.
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Oljas Süleymenov geht zurück nach Alma-Ata und findet eine Arbeit bei der »Kasachskaja Prawda«. 1961: der Weltraumflug Juri Gagarins bahnt sich an. Der verantwortliche Redakteur der »Komsomolskaja Prawda« kommt zu Oljas: »Die Partei befiehlt, der Komsomol antwortet: Jawohl. Also schreib ein Poem!« Und Oljas schreibt. Am Morgen nach dem Weltraumflug flattern Abertausende rosafarbener Flugblätter aus dem Himmel, mit den Strophen Oljas Süleymenovs: »Erde, verneige dich vor dem Menschen«. Und plötzlich ist der renitente junge Kasache in aller Munde. Abdrucke in sämtlichen Zeitungen, Fernsehübertragungen, Ausreisegenehmigungen zu Lesungen in New York und Paris. Das Gorki-Literaturinstitut bietet ihm an, wieder aufgenommen zu werden. Oljas schreibt zurück, dass er gern zurückkehren wolle, dann aber als Lehrkraft.
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Die »Gruppe der Sechziger« sind junge Männer und Frauen, die in Lederjacken und auf Motorrädern die Straßen unsicher machen und abends auf den Bühnen stehen. Andrej Wosnessenski, Bella Achmadulina, Rimma Kasakowa, Jewgeni Jewtuschenko … Wosnessenski lässt die dreieckige Birne erglühen und im Buchhalter Bukaschkin die Antiwelten. Raketen, Flugplätze, Rock'n Roll und Röntgenglühn. In Oljas Süleymenov glühen noch ganz andere Antiwelten: die rote Sonne der Wüste. Ein Gegenentwurf.
»Er murmelt Verse, wie die Kurden beten.
Auf breiten Wangen ruht der Feuerschein.«
Ein Paradoxon? Ja. Der avantgardische Lyriker, der Beatnik, der sich schon mal bei einer rasanten Fahrt mit seinen Freunden durch Almaty mit dem Auto überschlägt, greift immer wieder das kontemplative, durchaus auch Eintönige der nomadischen Existenz auf und kontrastiert damit das Un-bedingte, Fordernde der Moderne. Der Leser kann sich nie sicher sein, ob das ironisch gemeint ist und auf welcher Seite der Dichter steht. Idyllen bietet Süleymenov nicht an. Das Gedicht »Beim Besuch der Kirche in Vilnius« wandelt sich in dem Poem »Credo« zu einer erweiterten Version: »Analyse der Schönheit durch den Doktor der technischen Wissenschaften nach dem Besuch der Kirche«. Das geht wie folgt:
»Die Druckpresse der Geschichte — hier darf jeder ran!
…
Ein Apostel mit Heiligenschein?
Der Flieger im Skaphanderhelm?
Ein sumerisches Foto
mit einem Vorwort von Stanislaw Lem?«
Das ist eine Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Aufgeregtheiten des Tages, nach dem Ewigen und der Historizität des Historischen. Und wo ist die Schönheit im Meer der Fakten? Diese Frage wird den Dichter weiter beschäftigen.
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»Andrei — wir sind Nomaden,
getrennt durch Kultur und Epochen,
Vagabunden verschiedener Strecken.«
Die Freundschaft mit Andrej Wosnessenski gebiert einen denkwürdigen Dialog über einen denkwürdigen Dichter: Mahambet, früher Aufständischer gegen die russische Kolonialherrschaft und die Kollaboration der eigensüchtigen Khane, zuletzt auf der Flucht gestorben. Ein Mensch, der zur Feder berufen und zum Schwert gedrängt wurde. Die Gedichte Mahambets wurden von den Akynen, den Sängerdichtern, gesammelt und überliefert, und Süleymenov schlägt vor, dass Wosnessenski diese ins Russische überträgt. Wosnessenski aber erklärt sich für nicht berufen für diese Aufgabe und schafft statt dessen einen eigenen Zyklus zu Mahambet. Wladimir Wyssozki, einer der Lederjacken tragenden jungen Wilden, Liedermacher und Schauspieler, deklamiert die Verse mit großem Erfolg am Taganka-Theater. Die russische Literatur gewinnt einen kasachischen Dichter hinzu. Und doch lässt der legendäre Mahambet Oljas Süleymenov grübeln. Mahambet, der nur Dichter sein wollte, Mahambet der Heroe, Mahambet, die Operettenfigur. Mahambet, abgenutzt, verbraucht, seines Potentials beraubt. Was hilft die Beschwörung der vergangenen Größe, wenn es an gegenwärtiger Courage mangelt? 2008 wird der Film »Mahambet« nach dem Szenario Oljas Süleymenovs gedreht.
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»Nahe der Tschingistau-Berge liegt sein Grab«: Das schlichte Gedicht ist dem Andenken des großen kasachischen Aufklärers Abai Kunanbayev gewidmet und ist eine Referenz an den elegischen Grundton der späten Gedichte Abais (nachzulesen in: Abai. Zwanzig Gedichte. Herausgegeben von Herold Belger und übersetzt von Leonhard Kossuth). Muchtar Auesov setzt Abai mit seinem Großroman »Vor Tau und Tag« ein wuchtiges Denkmal, Süleymenov spricht von den Menschen, die das Grab besuchen und ihm ihr Leid klagen. Und den Blumen, den giftigen. Denn Abai, der eine östliche und westliche Bildung genossen hatte und der den einzigen Weg aus kolonialem Elend in der Synthese beider Kulturen und der Adaption fortschrittlicher Ideen sah, verzweifelte oft an der Trägheit und Rückwärtsgewandtheit seiner Landsleute, der Sehnsucht nach dem vermeintlich »Goldenen Zeitalter«. Dieser Gedanke treibt auch Oljas Süleymenov um: »O Asien, wie viele von uns hast du verbraucht.«
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»Wir schleudern den furchtsamen Pfaden
das Donnern der Hufe entgegen«
Diese Zeilen aus dem ersten, beim Erscheinen 1961 von der sowjetischen Literaturkritik kaum beachteten Gedichtband Süleymenovs manifestieren das Selbstbewusstsein des jungen Kasachen, der auf einem Seminar am Literaturinstitut schon mal abfälllig gefragt wird, »wann ihr denn zum ersten Mal in die Rus gekommen seid«. Oljas Süleymenov adaptiert die Verse eines Dichters, der 1925 ebenso selbstbewusst formuliert:
»Der Orient
wird dies alles
nicht länger hinnehmen
Wir haben es bis zum Überdruss satt.
…
Seht,
die Tage bis zur Befreiung sind gezählt
Das kommende Jahr der Revolution im Orient
winkt uns mit seinem blutigen Taschentuch!
Unsere roten Pferde
trampeln mit ihren Hufen dem Imperialismus auf den Bauch! … «
Nâzım Hikmet, der die Hälfte seines Lebens für seine Überzeugungen im Gefängnis gesessen hatte und der ein asiatisches Selbstbewusstsein gegen die kolonialen Zuschreibungen des Westens formulierte, muss für die sogenannten »kleinen Völker« ein Stern am Himmel gewesen sein. Hikmet gibt den »geschichtslosen Völkern« ihre Würde zurück. Der Internationalismus des türkischen Dichters, seine Kompromisslosigkeit und nicht zuletzt sein Lob der Liebe prägen den jungen Studenten. Vor allem aber die Erkenntnis, dass die Geschichte nicht von großen Männern gemacht wird. Das Morgen beginnt beim Brunnenbauer Kasbek.
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1969 liegt vor Oljas Süleymenov eine große Karriere. Er wird als Kandidat für den Leninpreis gehandelt, und man erwartet von ihm ein großes Poem zum 100. Geburtstag des Revolutionsführers. Süleymenov schreibt das »Tönerne Buch«.
In der Vorrede des Buches erscheint dem einfachen Hirten Ischpaka der Große Geist und fragt ihn nach der Schönheit seiner Frau Schamkhat. »Nun, was soll ich sagen, sie gebärt gut. Kocht Fleisch und bereitet Tee.« Der Geist fragt, ob er seine Frau liebe. »Nun, was soll ich sagen, zwanzig Piala (d.h. Teeschalen) kaufte ich ihr im letzten Jahr, zwei zerbrachen in der Satteltasche, aber ich habe sie wieder geklebt.«
In einer stürmischen Nacht sucht der Große Geist diesmal den aufstrebenden Kandidaten der Wissenschaft Ischpaka heim, der über skythischen Tontafeln und deren Entschlüsselung brütet.
»Siebenundzwanzig Jahrhunderte wartete ich bis zu dem Treffen des Ischpaka aus dem Stamme der Isch-Oghusen mit der Jungfrau namens Schamkhat. Es ist vollbracht!« »Zuersteinmal ist sie nicht eine gewisse Schamkhat, sondern Lisa … «, entgegnet der selbstbewusste Skeptiker der Stimme aus dem Zeitalter des Aberglaubens. Dann vernichtet ein Brand die Forschungsergebnisse des Wissenschaftlers. Alles ist verloren, doch eines Nachts erinnert er sich an den Inhalt der Tontafeln: Vom Auszug des Khans Ischpaka in das Land Assyrien-Babylonien. Was nun folgt, ist ein geradezu aberwitziger Ritt durch Ereignisse, Epochen und Räume, kommentiert durch zahllose Fußnoten und Anmerkungen. Auf dem Feldzug verliebt sich Khan Ischpaka in die babylonische Tempelhure Schamkhat. Das Schwert wird dem Herrscher schwer und nach acht lässlichen begeht er das neunte Verbrechen: er will die Völkerfeindschaft beenden:
»Ich würde einen Garten kaufen
und erzöge die Kinder —
der glücklichen Judäer,
verachtete weder die Skythen
noch die Inder,
ich säße, tauchte die Füße in einen Bach
und tränke den Honig
deiner leeren Worte.
O Gott Alleiniger,
mach mich zu einem guten Menschen.«
Die Eroberungszüge verlieren ihren Sinn, denn mit Gewalt lassen sich
weder Assyrien noch die Liebe Schamkhats gewinnen.
»Vom Blute trunken ist der Poet!
Doch nach der Schlacht
zerstreuen sich
die zügellosen Worte.
Und die Verse von Ruhm, wie leere Trinkhörner
(Das Gelage verklingt)
entrollen unter den Füßen.«
Den Frieden in friedloser Zeit zu suchen, das ist der Hohe Verrat. Denn Süleymenov lässt keinen Zweifel daran, dass er dem Schlachten die Versöhnung, den Frieden und das Verschwinden aus der Historizität vorzieht. Ischpaka stellt sich gegen die Erwartungen auch seiner Getreuen. Indem er die Kultur der anderen kennen- und schätzen lernt, entgleitet ihm der Überlegenheitsanspruch, der das Morden begründet. Über der Sucht nach Ruhm erhebt sich der Traum von Gleichheit und Brüderlichkeit der Völker, ohne die die Menschheit früher oder später untergeht. Das Urteil der Nachgeborenen entzieht sich dem eigenen Tun, die Ewigkeit ist nicht das Maß menschlichen Handelns.
»Allein, wonach ich strebte —
in den Chroniken der assyrischen Kaiser
zwei Strophen nur
vermerken den Namen des Skythen:
— Khan Ischpaka vom Stamme der Isch-Kusen
war ein Meister der Kriegskünste,
ein Schläger und ein Lump. —
Und dafür gilt ihnen Dank.«
Der Hohe Verrat aber, ihm gilt das Lied des Dichters Süleymenov. Drei Anläufe unternimmt der Große Geist, um herauszufinden, ob die Menschen die Hohe Liebe verstehen und sie leben können. Versteht sie unser Zeitgenosse, der mit Ehren ob seiner Entdeckung überhäufte Wissenschaftler Ischpaka? Verstehen wir sie? Einige Kritiker meinten im »Tönernen Buch« eine Phantasmagorie, gar eine Parodie zu erkennen. Trotz der ironischen Kommentare des Autors, des Spiels mit den Worten und Silben, den Bedeutungen und der Umkehr der historischen Logik ist es Oljas Süleymenov mit dem Buch äußerst ernst. In den Redaktionen ist man entsetzt: »Ein Poem über Lenin solltest du schreiben und du — schreibst über eine babylonische Tempelhure. Dafür bekommst du nicht den Leninpreis, sondern höchstens den Babylon-Preis.«
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Der Lyriker Oljas Süleymenov steht vor einem Wendepunkt. Soll er zurückkehren zur Klarheit der »Steppenlieder« oder zum Kontrastierten der Stadtbilder? Zum Globalen oder dem Lokalen? Er entscheidet sich für ein Drittes: die Suche des Kleinen im Großen, das philosophische Extrakt der Mythen und Legenden. Die Erkenntnis im Strom der historischen Ereignisse. Seine Gedichte borden über von Komplexität und sind schon keine Gedichte mehr: Szenarien, linguistische und poetologische Exerzitien und Selbstreflexionen, Ausdruck und Kommentar in einem. Diese Komplexität ist vergleichbar mit den Werken des reifen Stanisław Lem oder der göttlichen Bibliothek eines Jorge Luis Borges — ein Labyrinth. Er greift Motive seiner früheren Gedichte auf, erweitert sie, deutet sie um und arbeitet immer deutlicher sein künstlerisches Credo heraus: den Kampf gegen die Herrschsucht, die falschen Propheten, die Diktatur der göttlichen Vorsehung oder des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, die Erniedrigung des Menschen durch den Menschen. Im Poem »Der unsterbliche Murawej« (1973), eine Gestalt aus der russischen Folklore, stehen Biophil und Nekrophil vor der Leiche des »Unsterblichen« und wechseln in nahezu kabbalistischer Manier Worte und Farben, das Böse verkehrt sich ins Gute, »Das Sterben gebiert den Glauben«, Murawej wird kalt und heiß. Biophil beerdigt den »Unsterblichen« und dieser fährt ihm als ein Niesreiz in die Nase. »Ein Niesen auf alle.«
In »Die anderen und der Zimmermann« (der Verweis auf Jesus und Peter I. ist sicher nicht ohne Absicht) sitzt eine Gruppe von Alkoholikern, sonst üblicherweise in der Sauna, im griechischen Saal und diskutiert mit dem Philosophen. Ein Reporter will den Diskurs auf das Tonband bannen, die Szenerie wechselt zu einer Oper vor leerem Auditorium. Worüber disputieren, über Dante und Beatrice, über Genien, über die Großen der Geschichte? Der Masseur (wir befinden uns wieder in der Sauna) sinniert:
»Es versammeln sich die schwarzen Roben.
… Unersetzlich ist keiner, sagt man,
und auf den Scheiterhaufen brennen Alchimisten.
Du dopst dich mit Substanzen (chemikalisierst)
lass das sein.
Alle Chemiker sind eins —
du bist allein.
Gern richten wir die Richterroben
der wissenschaftlichen Inquisition,
doch betrachtet genau
die Züge der Präsidenten und ihrer Stellvertreter,
sind sie beschienen von göttlicher Inspiration?
Oder von Scheiterhaufen?
In den Werken der Genien
hausen Denkkastraten.
Warum? Darum weil
auf jeden Schrei: Begreift!
Die schwarzen Roben sich versammeln.
Auf Wacht die Wissenschaft
rund um die Uhr
im Dienste der Vernunft?
Nein, des Vorurteils!«
Sicher spielen in diese Skepsis die heftigen Auseinandersetzungen um »Pseudowissenschaften« und die Verbrämung des Kampfes um Pfründe mit »wissenschaftlichen« Begründungen hinein, vor allem aber die linguistischen und historischen Untersuchungen Lew Gumilevs, die ihm einen gänzlich anderen Blick auf die Geschichte Eurasiens eröffnen sollten.
Exkurs:
Lew Gumilev wird 1912 als Sohn der Dichterin Anna Achmatova geboren. Er studiert, unternimmt Expeditionen nach Zentralasien und auf die Krim. 1935 wird er von der Universität geworfen, verhaftet und ins Lager geschickt. Dort begegnet er dem ebenfalls verhafteten Vater Süleymenovs. Auf Fürbitte seiner prominenten Mutter hin wird er wieder freigelassen, 1938 verhaftet, um nach seiner Freilassung 1949 erneut verhaftet und zu 10 Jahren Lager in Kasachstan verurteilt zu werden. Nach seiner Rehabilitierung verfasst er 1961 seine Doktorarbeit an der Historischen Fakultät »Die alten Türken«, eine bis heute lesenswerte Darstellung der Geschichte der Türkvölker des eurasischen Raumes, 1974 »Ethnogenese und die Biosphäre der Erde«. Gestützt auf die umfangreichen Arbeiten russischer und sowjetischer Ethnographen, die Erkenntnisse des Archäologen Artamonov, der sich mit dem Großreich der Chasaren, ein Konglomerat türkischer Stämme, die sich zum Judentum bekannten, beschäftigte (die Forschungen wurden durch Stalin in den 1940ern unterbunden) und die Theorien der Eurasier, die vor allem in den 1910/1920ern jenseits von sogenannten Slawophilen und Westlern eine türkisch-russische Kultur propagierten, die einer jahrhundetelangen Symbiose erwachsen war, entwickelt Gumilev eine Geschichtskonzeption, die dem großrussischen zivilisatorischen Überlegenheitsanspruch diametral gegenübersteht. Insbesondere unter nichtrussischen Intellektuellen der Sowjetunion gewinnen diese Ideen großen Einfluss.
Schnitt:
1975 veröffentlicht Süleymenov den sprachwissenschaftlich-poetischen Großessay »Az i Ja«. Der Titel setzt sich aus dem altrussischen »az« und dem neurussischen »ja« für »ich« zusammen und verbindet sich so zu »Azija« — Asien. Ebenso bezeichnet er den ersten und letzten Buchstaben des kyrillischen Alphabets, das Alpha und Omega. Mit philologischer Gründlichkeit unterzieht Oljas Süleymenov das russische Nationalepos »Igorlied« der Analyse, liest die »dunklen Stellen« neu, entdeckt Un-
gereimtheiten, Interpretationen, die willkürlich Feindseligkeiten assoziieren. Wer spricht von den Jahren friedlichen Miteinanders, den menschlichen und ökonomischen Beziehungen, wenn nur der Krieg patriotische Gefühle zu erregen vermag. Süleymenovs Hypothesen sind kühn, manche muss er revidieren, dennoch kann er überzeugend nachweisen, wie unter dem Druck nationalistischer Mobilisierung im 19. Jahrhundert das »Igorlied« immer weiter umgeschrieben wurde, bis die Polowezer Nachbarn endlich »Erbfeinde« geworden waren. Das Buch wird zum Politikum. Eine Armada von Kritikern aus Wissenschaft und Politik stürzt sich auf den Autor. Nationalistisch und separatistisch sei es, ein Angriff auf die Einheit der Sowjetvölker. Das Buch wird aus Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt. Sämtliche Radioaufzeichnungen vom Verfasser des Hymnus auf den ersten Kosmonauten Juri Gagarin werden gelöscht, einzig im kasachischen Studio kann eine Kopie bewahrt werden. Oljas wird zur persona non grata, mehr noch, man fordert seinen Kopf. Verzweifelt kämpfen die wenigen Freunde gegen die Front der Entrüsteten. Es gelingt ihnen, Breshnew ein lakonisches »Nationalistisches kann ich darin nicht erkennen« abzuringen. Das schlimmste ist abgewendet. Aber der Dichter steht unter Verdacht und ist fortan isoliert. Die wenigen Ausgaben des Buches jedoch, die die Attacken überstanden haben, sind heiß begehrt: in einer Kleinanzeige wird für »Az i Ja« ein Auto der Marke »Zhiguli« geboten.
Schnitt:
»Al-Temir erzählt ein Märchen«. Schon in den 1960ern veröffentlicht Süleymenov eine Reihe von Gedichten gegen die atomare Gefahr, die nicht nur von außen kommt. Die Bedrohung ist eine innere. In Semipalatinsk liegt das Atomtestgelände, dass seit den 1950er Jahren Land und Leute vergiftet. Der »schwarze Regen« ist Realität, die Lebenserwartung im Gebiet sinkt rapide, Kinder mit schrecklichen Mutationen werden geboren. 1989 gründet er gemeinsam mit Rollan Seyssenbayev die Anti-Atom-Bewegung »Nevada — Semipalatinsk«, die für die weltweite Schließung aller Atomtestgelände eintritt. Ein mutiger Schritt, der sich gegen die nukleare Doktrin der noch bestehenden Sowjetunion richtet. Aus der Bewegung erwächst eine Partei, der »Volkskongress Kasachstans«, deren Vorsitzender Süleymenov wird.
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1989 wird Süleymenov zum Abgeordneten des Obersten Sowjet gewählt. In der ersten Sitzung fordert er die Rehabilitierung der repressierten und verbannten Völkerschaften: der Tschetschenen, Inguschen, Kalmüken. »Von Januar bis April«. Der Antrag wird erst nach heftiger Widerrede an-
genommen. Im Dezember des gleichen Jahres eskalieren die Ereignisse in Almaty. Der populäre KP-Chef wird abgesetzt und durch einen linientreuen Hardliner ersetzt. Hunderte von jungen Leuten protestieren, die Miliz greift hart durch, es kommt zu Straßenkämpfen. Obwohl Süleymenov auf keiner der öffentlichen Versammlungen spricht, wird er als Kopf des Aufruhrs vermutet, ihm mit Verhaftung gedroht. Ein geschmuggelter Brief an Michail Gorbatschow rettet seinen Kopf. Von nun an hat der Reformer aus Moskau ein Auge auf den Dichter: »Wie geht's denn unserem Oljas dort?« Zwischenzeitlich wird er als Kandidat für das Präsidentenamt ins Gespräch gebracht. 1995 verlässt Süleymenov als Diplomat das Land.
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Im Laufe seiner künstlerischen Karriere erhält Süleymenov zahlreiche staatliche Auszeichnungen. Seine Lyrik jedoch bewegt sich in einem kulturellem Feld, dass am ehesten als geduldeter Underground bezeichnet werden kann und dessen Zentren Moskau, Leningrad und — Alma-Ata sind. Argwöhnisch beäugt, erfahren die Werke der Lyriker, Musiker und Schauspieler quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten eine Popularisierung, die der Estrade, der offiziellen Unterhaltungskunst, versagt bleibt. Bulat Okudshawa wird für seine von der Gitarre begleitete Lyrik verehrt, die Kassetten Wladimir Wyssozkis, des »Gottes der Gammler und Schaschlykverkäufer«, wie ihn seine Gegner abfällig nennen, kursieren in unzähligen Raubkopien, Wosnessenski führt eine gefeierte Rockoper auf. »Kasachfilm«, wo Süleymenov als Szenarist arbeitet, dreht das experimentelle Drogendrama »Die Nadel«, mit dem legendären koreanischstämmigen New-Wave-Sänger Viktor Zoj und Pjotr Mamonov, dem nicht minder legendären Sänger der Avantgarde-Rockband »Svuki Mu«, in den Hauptrollen. Wem nicht die Ignoranz die Augen verschließt, dem eröffnet sich ein Universum von Intertextualität und Intermedialität, Seelenverwandschaften und Referenzen, das in seinem Reichtum im Westen nur wenig bekannt, geschweige denn erforscht ist, und das Stereotyp vom »stumpfen Sowjetmenschen« und der »Langeweile des Sozialismus« Lügen straft. Die Grenzen zwischen offizieller und subversiver Kultur sind fließend, ein Schwarz oder Weiß gibt es nicht. Fürchten muss man die Grauen, sie sind es, die schießen. Der eingangs erwähnte Film »Die weiße Sonne der Wüste« hatte als erster »Eastern« auf der Verbotsliste der Funktionäre gestanden, bis wiederum Breshnew den Film freigab. Seit dieser Zeit ist es ein Ritual, dass die Kosmonauten vor jedem Start vom kasachischen Baikonur den Kultfilm sehen. Die Grauen beargwöhnen ihn heute noch. Oljas Süleymenov ist ein wichtiger Bestandteil dieses Universums, das über den Zerfall der Sowjetunion hinweg fortlebt. Den Obelisk an der Absturzstelle Gagarins schmückt eine einzige Zeile: »Erde, verneige dich vor dem Menschen«. Seine Verse zirkulieren in der lebendigen Sprache, ohne dass die Urheberschaft Süleymenovs ausgewiesen wäre. Die russischen »Svuki Mu« singen von »den Helden, die man nicht bedauern muss, solange das Gras wächst«. Vom Gras träumt der Skythenführer Ischpaka, »den Opfern von Maidanek ein Denkmal? … Das Gras, das still wächst, zu ihrem Gedenken.« Wie sich Süleymenov als ein Erbe der kasachischen, russischen und Weltkultur begreift, fließen seine Worte ein in das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Sie sind Gras und der Humus, auf dem das Gras wächst. Ein kasachstanischer Rockmusiker, Wladimir Mun, wird in St. Petersburg zum legitimen Erben des bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Viktor Zoj erklärt. Er veröffentlicht eine Platte mit Texten von Oljas Süleymenov.
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Die Frage, ob Oljas Süleymenov ein Dichter des Ostens oder des Westens sei, scheint müßig. Die Dichotomie zwischen Okzident und Orient ist eine Folge des Abgrenzungsprozesses zwischen den Zeiten und Kulturen, der Vermessung der Welt mit den Maßstäben des aufgeklärten Europas. Oljas Süleymenov ist einer der vielen, die dem Schubladendenken der vermeintlichen Rationalisten eine Aufklärung der Aufklärung entgegensetzen. Der Nomade sieht das Licht vieler Sonnen und erkennt, dass es für die Menschheit nur eine Sonne gibt. Wer das Vielgestaltige erkennt, versteht das eine, das uns eint.
»Ich streife durch die schwarz-weiße Welt.
Bau ein Haus (mit zwei Etagen!),
so riet man mir,
ich aber, kaum die Gelegenheit sich bietet,
strolche durch Afrika, Frankreich, Asien.
In New York singe ich Heldenepen,
in Aleppo öffne ich den Arabern die Augen,
kehre zurück,
und wieder ist in meiner Tasche —
nicht eine Kopeke;
ergreife den Speer —
und wieder aufs Pferd!
Du letzter Krieger der Horde —
vorwärts zum letzten Meer!
Auf der Landkarte
Meerengen, Savannen und Berge!
Sie begruben uns — mit den Füßen nach Westen,
es liegen Milliarden — mit den Füßen nach Westen
unter der gelben Erde der mongolischen Steppe
Legionen von Nogaiern, Bulgaren, Kasachen,
und sie wussten nicht, dass
Asien
westlicher
als der Westen ist,
der Westen östlicher als das Chinesische Meer,
aber sie begruben uns mit den Füßen nach Westen! …
In unserem Rücken rauscht
das letzte Meer.
Dreh dich, Ainalain, Du Erde mein!
Wie kein anderer
versteh ich dich heute,
all deine Krankheiten
nehme ich auf mich,
rastlos ziehe ich, kreise auf
deinen Wegen«
Der Orient — eine diffizile Angelegenheit? Wenn uns Lesern im Westen die Lyrik Oljas Süleymenovs einen Zugang zur Gedankenwelt der eurasischen Weiten eröffnet, sind wir einen Schritt weiter auf dem Weg zu einer unteilbaren Welt.
Mario Pschera
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