| Rollan Seysenbajev »Der Tag als die Welt zusammenbrach« |
In Semej bebte die Erde und zersprangen die Fensterscheiben, während in einer der Kazaküy, den Hirtenhütten, am Fuße des Cingistau eine junge Frau zitterte und bebte. Sie gebar ihr Kind unter Qualen und Leiden. Das Kind, ein Junge, wollte den Mutterleib nicht verlassen, wollte nicht auf diese krachende, knirschende Welt kommen. Es schien, als habe der Embryo früher als die Mutter gespürt, was auf der Erde vor sich gehen würde, wenn die Zeit herangenaht war und er unter den Lebenden erscheinen mußte. Tonlos der weitgeöffnete Mund, entstellt das Gesicht, mit irrem Blick verfolgten die Augen unverwandt die Handgriffe des Nachbarweibes, das die Entbindung vornahm. Die alte Hebamme, die diesen Blick aufgefangen hatte, schrie vor Überraschung auf, und mit diesem ihrem Schrei fiel der Junge, der ein Gewicht von zwei Kilogramm hatte, auf die weiche Filzmatte herab… | ||||
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»Weißt du denn, du Staatsdiener, was dieses Volk durchgemacht hat? Nein, du weißt es nicht. Du weißt nicht, daß unser Boden bedeutsame, erhabene Menschen hervorgebracht hat! Seit Jahrhunderten leben wir in dieser Steppe, sind friedlich umhergezogen, ohne jemandem ein Leid anzutun. Hier sind unsere Jaylau, unsere Bergwiesen. Hier wurde unser Abay geboren. Dann fiel er bei der Obrigkeit in Ungnade, und allein für die Erwähnung seines Namens schickte man uns in die Verbannung nach Itshecken, Sibirien. Dann wurde Šäkärim erschossen, unser großer Dichter und Philosoph, mit dem euer Lew Tolstoi befreundet war, und wieder – kaum hatte ein Kasache ein Wort über Šäkärim verloren, war er auch schon in Sibirien. Hervorragende Menschen sind in der Verbannung gestorben… Du bist doch aus Semej gekommen, unsere ganze Steppe vom Auyl bis nach Semej war mit menschlichen Leichnamen bedeckt – der Hunger, weißt du, was das heißt? Weißt du, wie viele er dahingerafft hat? Und dann der Krieg. Wie viele Leben hat er davongetragen, jeder zweite Jigit hier ist in fernen Landen gefallen. Und sieh dir nur an, was die Kolchosbauern essen, was sie für eine Arbeitseinheit bekommen! Wir leben ja nicht, sondern existieren nur. Viele haben nicht nur den Geschmack von Fleisch sondern sogar den von Brot vergessen. Für jeden Kolchoshammel konnte man mit seinem Kopf bezahlen… Sag mir also, du Staatsdiener, wann wird unser Volk endlich leben? Und wird es überhaupt leben? … Du treibst uns doch in den Tod… Oder etwa nicht?« |
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