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| Verehrte Damen und Herren! Als Teilnehmer dieses großen Internationalen Forums sehe ich mich nicht allein als Gesandter, der durch seine Anwesenheit dieser hohen Versammlung die ihr gebührende Ehre erweist, sondern empfinde mich gleichermaßen als Stimme meines Volkes und meines Landes. Ja, bis vor kurzem war es so. Die Literatur diente jedem Volk tatsächlich als Stimme seiner unverwechselbaren, urwüchsigen Kultur, durchdrungen von der Dramatik des Lebens. Mit Bedauern vernehmen wir das wenig schmeichelhafte Gerücht, es gäbe es kleine Völker, unbedeutend an Zahl und Einfluss, die sich als Nationen in keiner Weise hervorgetan und nichts zum kulturellen Erbe der Menschheit beigetragen hätten. Nur in einem einzigen Punkt können wir dem zustimmen: Ja, wir sind ein kleines Volk. Zur Ehrenrettung meines Volkes, das der Welt die großen Schriftsteller Abai und Auesow schenkte, lässt sich sagen, dass diese beiden in ihrer Weltsicht und schöpferischer Philosophie von geradezu dialektischer Kompliziertheit und Vielschichtigkeit waren und nie auf den Gedanken gekommen wären, die Gesellschaft vom Individuum, den Körper vom Geist zu scheiden. |
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| Wer das ähnlich verlaufene Schicksal dieser Schriftsteller studiert, mag versucht sein, Mitleid zu empfinden und zu denken: „Ja, wo viel Weisheit ist, da ist viel Gram". In diesen biblischen Worten verbirgt sich der Schlüssel zur Tragödie des kreativen Menschen, besonders jener, die über ein schier unermessliches Talent und einen rebellischen Geist verfügen, unendlich verfolgt sind und auf ewig einsam. Aufgrund objektiver historischer Faktoren der Gesellschaftsstruktur eines ehemaligen Nomadenvolkes blieben die Werke dieser beiden Genies der kasachischen Literatur für lange Zeit beschränkt auf die Rezeption in einer Sprache, eines Volkes. Sie vermochten nur mit dem Leser in Dialog zu treten, mit dem sie eine gemeinsame Sprache verband, und blieben außerhalb des Sichtfeldes aller anderen Leser dieser Welt. Nun sind andere Zeiten angebrochen. Man kann nur staunen, wie alles im Leben in Bewegung geraten ist und sich der Austausch zwischen den Völkern intensiviert hat. Selbst die Werke von Schriftstellern kleiner Völker sind mit einem Mal mehrsprachig, kommunikationsfähig und zur Verwunderung aller zum lebendigen Mittler geworden, der Völker, Länder, sogar ferne Kontinente verbindet. Doch ist dem wirklich so? Lassen Sie uns diese neue Entwicklung sozusagen von innen betrachten. Auf unserem Planeten existieren etwa 160 Staaten und über 2.000 Nationen, Völkergemeinschaften und ethnische Gruppen. Linguisten nehmen an, dass die Menschen der Erde in über 7.000 verschiedenen Sprachen miteinander sprechen. Die überwiegende Mehrzahl aller Nationen, Völkergemeinschaften und ethnischen Gruppen lebt in multinationalen Staaten. Es ist kein Geheimnis, dass die Menschheit heute eine Ära der Globalisierung und der marktwirtschaftlichen Beziehungen durchlebt, und damit besonders tief und zuweilen schmerzhaft ihre beinah organische Einheit erfährt. Durch das herausfordernde Vordringen des Menschen ins Weltall, die kolossale kreative und zerstörerische Macht neuer Errungenschaften von Wissenschaft und Technik, die grausame Wahrheit über die beschränkten nährenden Kapazitäten unserer Mutter Erde tritt die Notwendigkeit immer deutlicher zutage, zwischenmenschliche, internationale und zwischenstaatliche Beziehungen zu vertiefen und zu festigen. Miteinander leben und überleben zu lernen - dies ist das wichtigste Thema für jeden suchenden und schöpferischen Geist unserer Tage. Die Problematik nationaler Literatur im multinationalen Staat weist auf die Frage nach der Zukunft nationaler Literatur allgemein, nach der Zukunft der Sprache, insbesondere der Sprachen kleiner Völker. Es geht um das heilige Lebensrecht eines Jeden und aller zusammen. Die unantastbare Freiheit des Einzelnen und der Gemeinschaft muss auch für Kultur und Sprache, gerade für die Sprachen kleiner Völker gelten. Wir dürfen nicht vergessen, dass nicht die Urwüchsigkeit, sondern der Standard, nicht die Vielseitigkeit, sondern die Gleichmachung sich vernichtend auf die Kunst auswirken. In unserer Zeit ist es der aktive Austausch mit den Praktiken anderer Kulturen, welcher die Besonderheiten der eigenen Kultur bereichert und festigt. Lebhafte interkulturelle Kommunikation ist die wahre Kulturförderung. Das Schicksal jener Völker, die je das Joch der Kolonialisierung tragen mussten, ähnelt sich in allen wesentlichen Merkmalen. Ich gehe davon aus, dass der Welt bekannt ist, mit welch erstaunlicher Konsequenz und Nachhaltigkeit die Sowjetmacht in all den Jahren ihres Bestehens ihre auf die Assimilation nationaler Randgebiete gerichtete Imperialpolitik durchführte - wobei die größte Wucht dieses Vernichtungsschlages gegen die nationalen Sprachen gerichtet war. Mit durchschlagendem Erfolg. Im Laufe der 70 Jahre der Sowjetherrschaft sind allein in Russland 96 Sprachen kleiner Völker ausgestorben. Damit nicht genug! Es war zudem erklärtes Ziel, um jeden Preis eine bis dahin unbekannte Lebensform zu kreieren: den Sowjetmenschen, einen Menschen, dessen Seele Gott nicht kennt, und der in keiner Heimaterde verwurzelt ist. Im Zusammenhang mit dem Schicksal der Sprachen kleiner Völker denke ich an den unvergleichlichen Edelmut und die Zivilcourage des Dichters Semjon Lipkin, der sein Leben und seine poetische Leidenschaft den Übersetzungen des „Siebengestirns der Dichter" widmete, von denen einst Goethe in seinem berühmten „Diwan" schrieb. Wer könnte besser als ein Dichter erkennen, dass jede Sprache, selbst die eines winzigen, schwindenden, hoch im Gebirge verborgenen Volkes, ein unnachahmliches, einmaliges, wunderbares Werk Gottes ist! Ich muss gestehen, um die Sprache meines Volkes steht es nicht viel besser. Nun haben wir endlich die langersehnte Unabhängigkeit erlangt. Die Sprache des kasachischen Volkes, das 10 Millionen Angehörige zählt, ist bereits zur Staatssprache proklamiert worden, per Gesetz, ganz und gar offiziell. Die Karre aber, wie es bei uns heißt, steckt noch immer fest. Trotz der verzweifelten Bemühungen der nationalen Intelligenzija, die erwartungsgemäß zutiefst betroffen ist von der Tragödie dieser ungewöhnlich reichen und poetischen Sprache, von unseren Vorfahren als höchstes Gut und Stolz unserer Nation an uns vererbt, konnte diese leider immer noch nicht vollständig wiederbelebt werden. Durch diesen schmerzlichen Umstand ist die nationale Einheit der Kasachen nach wie vor bedroht. Ebenso bedroht ist folglich auch unsere Rolle als selbständige, starke und gleichberechtigte Teilnehmer am Dialog der Nationen. Ich halte es in diesem Zusammenhang für meine Pflicht, dieses ehrenwerte Forum daran zu erinnern, dass (wenn ich mich recht erinnere) in den 80er Jahren des nun vergangenen Jahrhunderts auf Initiative des Internationalen PEN-Clubs das Thema „Sprachen der Völker der Welt und ihre Rechte" zum ersten Mal aufgegriffen wurde. Es gibt seitdem wohl sogar eine Sonderkommission, die sich mit dieser Frage befasst. Und das war eine humane, edle Entscheidung, die das Problem dieser Sprachen auf die breite internationale Ebene gehoben hat. „Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist", empfiehlt der Volksmund. Mir scheint, man sollte in wichtigen Dingen ruhig etwas Hartnäckigkeit beweisen, indem man das betreffende Thema immer wieder aufgreift. Ich hoffe, verehrte Damen und Herren, Sie teilen meine Ansicht, dass diese Fragen, welche die existenziellen Interessen nicht nur eines, nicht zweier, sondern vieler, vieler Völker betreffen, besondere Aufmerksamkeit verdienen. Wenn wir anschließend heimkehren, nehmen wir die Hoffnung und die Zuversicht mit, dass einer der nächsten Kongresse des PEN-Club dem tragischen Schicksal der Sprachen aller kleinen Völker dieser Welt gewidmet sein wird - einer der aktuellsten Fragen unseres Jahrhunderts! Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit! Aus dem Russischen von Walerija Weiser Muchtar Auesow "Aufstand der Sanftmütigen", "Vor Tau und Tag". |
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