Der sterbende See

»Wäre unsere Gesellschaft nicht westfixiert, dann wäre dieser Roman schon nach dem Manuskript ins Deutsche übersetzt und als ein großes Werk der Weltliteratur gewürdigt worden.«

Leonhard Kossuth in Ossietzky 19/2002

Der Roman Abidshamil Nurpeissows nimmt die Tragödie des Aralsees zum Anlaß, über das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt zu sprechen, über Verantwortung und Schuld. Zwei Freunde aus Jugendtagen, Jadiger und Azim verlieben sich in die selbe Frau. Während Azim Bakizat verläßt und Karriere als Wissenschaftler macht, verzweifelt Jadiger am Verschwinden des Sees. Er beginnt, gegen den Fortschrittsglauben der Oberen zu rebellieren. Sein Widersacher ist ausgerechnet der aalglatte Azim, der zudem ein Verhältnis mit seiner alten Liebe, Jadigers Frau Bakizat beginnt. Die Dorfbewohner drängen Jadiger seine Ehre wiederherzustellen. Doch für Jadiger ist dieser Kampf längst ein Kampf um die Existenz seines Volkes geworden. In einer stürmischen Winternacht kommt es auf dem Eis des Aralsees zum Showdown.
Abdishamil Nurpeissow
»Der sterbende See«

Roman
Aus dem Russischen
von Annelore Nitschke
520 Seiten, gebunden
€ 29,90
ISBN 978-3-935597-47-0

Abdishamil Nurpeissow wurde 1924 in einer kasachischen Fischerfamilie am Aralsee geboren. Als Achtzehnjähriger wurde er zur Roten Armee eingezogen und kämpfte bei Stalingrad und im baltischen Raum. Nach seiner Demobilisierung 1947 begann er an dem Roman "Kurland" zu arbeiten, der auf seinen eigenen Erlebnissen als Soldat beruht. Für diesen Roman erhielt Nurpeissow einen Literaturpreis der kasachischen Sowjetrepublik. Nurpeissow studierte dann am Literaturinstitut in Moskau. In seiner Trilogie unter dem deutschen Titel "Blut und Schweiß" (Aufbau 1971 - 74) schreibt er über die Konflikte zwischen armen und reichen Kasachen in der Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weißen Armee.
Stimmen zum Buch
»…Die Bilderwelt dieser Literatur ist berauschend, prall, die zu Grunde liegenden Fakten ernüchternd. Zwischen Fortschrittsgläubigkeit und Verantwortung vor Vergangenheit und Zukunft den richtigen Weg zu finden, spaltet Familien, zerreißt Ehen, zerstört ganze Siedlungen. Das Glück ist ein ›scheuer Vogel‹, heißt es, er ›fliegt davon‹, sobald ›einer die Gerte durch die Luft sausen läßt‹. Ein Bild, das im westlichen Kulturraum für das Geld benutzt wird. Hier steht es für eine Region, die der Mensch zum Sterben verurteilt. So ist dieses Buch nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Scheinwelt der russischen Nomenklatura, es geht um Menschheitsprobleme: Was sind unsere Träume wert, wenn wir sie gegen die Natur leben wollen?«

Regina General
in »Neues Deutschland«

»Der sterbende See« sollte im renommierten Literaturjournal »Druschba Narodow« erscheinen, die Zensur verhinderte dies. Durch eine List des kasachischen Verlegers gelang es, 1984 den Text als Appendix in einer Neuauflage von »Blut und Schwei« herauszubringen, ohne das dies auf dem Titel vermerkt wurde (deutsche Ausgabe Aufbau 1988, in Lizenz bei Bertelsmann). In den folgenden Jahren überarbeitet und ergänzt er den Roman um einen zweiten Teil, schärft ihn zu einer Abrechnung mit dem 20. Jahrhundert. 2005 erscheint die Ausgabe, der unsere Übersetzung zugrundeliegt. Die Veröffentlichung in Großbritannien erfolgt im November 2006, eine Verfilmung wird vorbereitet. Nurpeissow leitet die Literaturzeitschrift »Juldyz« und ist Präsident des kasachischen PEN-Clubs.

Leseprobe
Der tobende Sturm, zur Nacht noch wütender geworden, peitschte die Walze des Schneegestöbers in der diesigen Dunkelheit vor sich her, raste grimmig über die ganze Erde, schwang sich dann, ans Meer gelangt, jäh zum Himmel auf und zerfetzte die schweren niedrigen Wolken. Da leuchtete plötzlich in den Rissen zwischen ihnen grell das erschrockene Antlitz des fernen Mondes hervor.

»Azim!… Azi-im!!« Der schwache Schrei einer Frau. Wild heulte und toste der Sturmwind des Arallandes, die Wellen brüllten.
Als auf einmal das Mondlicht hervorschimmerte, trat für einen Augenblick die gewaltige, vom Sturm fortgetriebene Eisscholle geisterhaft aus dem schwarzen Nichts hervor. Von oben wirbelte dichter Schnee auf sie herab, unten begann heftiges Schneetreiben zu fegen.
Ob Azim, der unter dem schweren Wolfspelz zitterte, all das wahrnahm, wußte sie nicht. Bakizat war jedoch hellwach und schlug den Pelz zurück, unter dem sie sich eng aneinandergeschmiegt hatten. Sie hoffte, das Ufer zu sehen, doch sofort bekam sie einen Schwall Schneeflocken in die Augen, und sie wendete das Gesicht von dem scharfen, wie glühendes Eisen brennenden Windstoß ab. Seine Schläge waren so ungestüm und stark, daß sie nicht Luft holen, sich aufrichten und die um ihre Knie flatternden Mantelschöße festhalten konnte.
»Azi-im!… A-a-azii…«
Der tobende Wind riß ihr den Schrei von den Lippen, sie glitt aus, fiel hin, rappelte sich jedoch, unter den eisigen Windstößen schwankend, sogleich wieder hoch. Sie trat zu Azim zurück, da bewegte sich plötzlich aus dem Schneechaos ein entsetzliches Ungetüm auf sie zu.
Bakizat schrie auf und warf sich Azim in heller Angst an die Brust.
»Was … hast du?«
»Da … da drüben…«
Jetzt erblickte auch Azim etwas, ein Wesen weder Mensch noch Tier.
»Was … was ist das?« Azim wich zurück, zog unwillkürlich die Frau mit. Gott … Allmächtiger!… Sollte es der Satan sein?

»Die Literatur, so heißt es, sei machtvoll wie eine Waffe. Wenn dem so ist, so ist ihre unvergängliche, erhabene und edle Kraft darauf gerichtet, Geist und Herzen der Menschen zu erobern und ihr Volk auf der geistigen und kulturellen Weltkarte zu verewigen.«
Rede Abdishamil Nurpeissows auf dem PEN-Kongress 2006 in Berlin.

Doch die Stimme der Frau, die voller Entsetzen zusah, wie der Wolf seinen Bauch vom Eis löste und entschlossen aufstand, drang nicht mehr in das allmählich verlöschende Bewußtsein des Sterbenden. Der Wolf hatte sich ganz nah herangepirscht. Das Tier hatte wohl begriffen, daß der Mensch, der unter dem Fell der grauen Wölfin lag, entkräftet war.
Bakizat stand halbtot neben ihm, ihre Hand umklammerte die Streichholzschachtel und preßte sie an ihre Brust.
Der Wolf kam langsam heran, schaute die Frau mit starren, glühenden, schielenden Augen an. Als sie nur noch ein Sprung trennte, blieb der Wolf stehen. Bakizat stieß einen Drohschrei aus, der Wolf blieb ungerührt. Im Gegenteil, die unangenehm kreischende Stimme reizte und ergrimmte ihn noch mehr. Zum Sprung ansetzend, verlagerte er sein Gewicht auf die Hinterläufe und legte den Ohrstummel an den Kopf. Das Fell auf seinem Widerrist war bedrohlich gesträubt. In diesem Augenblick, als in dem alten Stummelschwanz-Stutzohr sämtliche blutgierigen, wilden Vorfahren erwachten, schnipste die Frau mit den Händen, und eine Flamme schoß auf. Der Wolf, der sich schon wie ein Pfeil im gespannten Bogen zum Sprung vorbereitet hatte, zuckte vor Überraschung zurück. Bakizat schöpfte Mut. Die magische Kraft des kornkleinen Schwefelköpfchens verlieh ihr Sicherheit. Ohne sich zu besinnen, stürmte sie auf den zurückweichenden Wolf ein, schüttelte zitternd alle Streichhölzer, die noch in der Schachtel waren, in die hohle Hand, zündete eines nach dem anderen an und schleuderte dem Wolf die auflodernden Feuerfetzen auf die Schnauze.

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