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»Im Herzen Eurasiens« beschreibt aus der Sicht des kasachischen Präsidenten Nursultan Nazarbaev die gesellschaftlichen Prozesse, die zur Verlegung der kasachischen Hauptstadt von Almaty nach Astana im Jahre 1997 geführt haben. Binnen weniger Jahre wurde auf dem Gebiet des verschlafenen Provinznestes Zelinograd in einer gewaltigen Kraftanstrengung eine moderne Großstadt errichtet, deren Bevölkerungszahl ebenso rasant anwächst. Berichtet wird nicht nur von den politischen und wirtschaftlichen Erwägungen, die diesem Entschluss zugrundelagen, sondern auch von den städteplanerischen Herausforderungen. | ||||||
| Wir schreiben das Jahr 1994. Die einstige Großmacht ist vor drei Jahren in ihre Bestandteile zerfallen, das Land befindet sich in einer äußerst instabilen Lage. Diese heikle Lage konnte nicht mit normalen Mitteln gelöst werden – es stand zu befürchten, daß sich wichtige Reformen verzögern und bestehende Probleme politischer, sozialer und geopolitischer Art weiter verschärfen würden.
… Eine völlig andere, innovative Herangehensweise war notwendig geworden, mit deren Hilfe Entscheidungen und Taten heranreifen konnten, die effektiver und angemessener in die entstandene Situation im Lande eingriffen. Noch in den alten Zeiten der »allgemeinen Übereinstimmung«, als ich noch der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei Kasachstans war, kam mir eine Vortragsnotiz des Präsidenten der Akademie, Kanish Satpaev, unter die Augen, in welcher er mehr oder weniger vorschlug, die Hauptstadt der Kasachischen Unionsrepublik ins geografische Zentrum Kasachstans zu verlegen – nach Karaganda oder Zelinograd. Als eines seiner Argumente führte der anerkannte Wissenschaftler und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens an, daß die Hauptstadt einer so großen Republik nicht irgendwo am Rande liegen sollte, noch zudem in der unmittelbaren Nähe der Grenze zur Chinesischen Volksrepublik, zu der in der damaligen Zeit beileibe keine einfachen Beziehungen bestanden. Wenn ich mich recht entsinne, wurde diese bedeutsame Notiz nach Moskau übermittelt, denn ohne Moskau wurden solche Fragen nicht entschieden. Weniger verständlich war jedoch, was die Umgestaltung Kasachstans damit zu tun hatte. Nach der anekdotischen Betrachtungsweise Solschenizyns erstreckten sich die angestammten Gebiete der Kasachen bis zu den Zentralsteppen im Süden und formten eine Art Bogen, der die südlichen Regionen Kasachstans umfaßte. Auf dieser mythologischen Grundlage schlug Alexander Solschenizyn vor, die nördlichen Gebiete Kasachstans Rußland anzuschließen. Soweit ich mich erinnere, schlug er zugleich auch unter der Begründung der slawischen Einheit vor, die Ukraine und Weißrußland an Rußland anzuschließen. Er sprach von einer wahrhaftig russischen Krim usw. Ihn berührte es anscheinend überhaupt nicht, das dies im Grunde genommen ein Aufruf zu einem Territorialkrieg zwischen den neuen unabhängigen Staaten mit all seinen sich daraus ergebenden Folgen war. Oder man könnte sich auch an die Aussagen eines Schirinowskij erinnern, welcher vorschlug, »doch die Stiefel im Indischen Ozean zu waschen«, indem man ohne Hindernisse durch das »russische Kasachstan« laufe. All dies führte zu einer heftigen Reaktion in Kasachstan. Ich denke, es ist deutlich, wohin derartige Provokationen führen. In Wirklichkeit gab es keine Sowjetunion mehr. Die Mehrheit der nicht-kasachischen Bevölkerung wurde unruhig: Almaty liegt irgendwo in der Ferne, und Rußland, Moskau, schien gar nicht mehr so weit. Wohin sollten sie sich wenden? Warum sollte man nicht mit den Gefühlen und der Unsicherheit der russischsprachigen Bevölkerung der ehemaligen Sowjetrepubliken spielen? Denn diese Unsicherheit gab es. Man erinnere sich: in den anderen Republiken kam es sehr wohl blutigen ethnischen Auseinandersetzungen. Diese Appelle waren keine abstrakte Übungen der Geopolitik. Sie bargen eine reale Gefahr. Kein besonders schlauer Gedanke Solschenizyns war, daß die Nordregionen Kasachstans einen aktiven Beitrag in der Umgestaltung Rußlands einnehmen sollten. Womit allerdings genau Nordkasachstan Rußland retten können sollte, bleibt für mich bis heute ein Rätsel. Man wird einem weltbekannten Schriftsteller natürlich nicht erklären, daß zwischen Politik und Geografie genauso ein Unterschied besteht wie etwa zwischen Brot und Butter. Zusammen können sie natürlich ein Butterbrot bilden, doch jedes für sich genommen, ist sehr wohl selbstständig und von eigenem Wert. … In der Hauptstadtfrage war es des weiteren notwendig, auch die historisch gewachsene Disproportion im ökonomischen Verhältnis zu berücksichtigen, die Kasachstan faktisch in zwei Teile spaltete: in den industriellen Norden und den landwirtschaftlichen Süden. Die Hauptindustriekapazitäten Kasachstans befanden sich in seinen zentralen und nördlichen Gebieten. Nach den Ereignissen von 1991 jedoch begann der Migrationsprozeß der hauptsächlich im industriellen Sektor beschäftigten russischsprachigen Bevölkerung, die nun wieder in ihre historische Heimat – Rußland, die Ukraine und Weißrußland – zog. Der Emigrationsprozeß betraf auch die deutschstämmigen Kasachen (die so genannten Rußlanddeutschen), für die die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ein spezielles Rückkehrprogramm in ihre historische Heimat ausarbeitete. Die so geschaffene demografische Krise in Zentral- und Nordkasachstan resultierte in einer Stagnation der Produktionskapazität. Damit einhergehend verschärften sich auch die sozialen Probleme gravierend. Zur selben Zeit litten die Südgebiete Kasachstans im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Bevölkerungsüberschuß und erhöhter Arbeitslosigkeit, welche, nach statistischen Angaben, die höchste der Republik war. Besonderes verschärft wurden diese Prozesse vor dem Hintergrund der allgemeinen Wirtschaftskrise, welche im Ergebnis des Zerfalls des einheitlichen volkswirtschaftlichen Sektors der Sowjetunion entstand. |
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| Nursultan Nazarbaev
»Im Herzen Eurasiens« Aus dem Russischen € 35,00 Bezug direkt über den Verlag |
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