Eine mystische Reise
Die Reise ist das Leitmotiv des Romans »Haselnuss 8«, das sich am deutlichsten in der Autofahrt manifestiert. Metin Kaçan knüpft mit der Wahl der Automobiltypen nicht nur direkt an die Tradition der amerikanischen road novel an. Der Ortswechsel mittels des Fortbewegungsmittels des 20. Jh. durch den Protagonisten Meto und seinen Mentor Fahri Baba ist ebenso eine Wiederauflage des klassischen Musters des europäischen Bildungs- und Entwicklungsromans und eine Aktualisierung des uralten Narrativs der mystischen Reise. In beiden Fällen ist der Held auf dem Weg zu seinem wahren Selbst vorwärtsgekommen, in dem der Spannungsbogen von Identität und Wandel zusammenfällt. Diese Suche bleibt nicht auf das Individuum beschränkt. Schon in der Eingangssequenz wird ihre universalistische Ambition in dem Wunsch Metos hervorgehoben, »zum Geburtswissen der menschlichen Ursprungsnatur vorzudringen«. Der Anspruch umfassender Welterklärung drückt sich auch in der breiten Fächerung der im Roman verwendeten Textsorten aus. Motivische Zitate aus der türkischen und der Weltliteratur und Elemente aus der islamischen Tradition wechseln sich mit expliziten Bezugnahmen auf wissenschaftliche und naturwissenschaftliche Texte ab und werden in einer Art postmodernem Patchwork miteinander verwoben. Kaçan, von dem Literaturwissenschaftler İlknur Özdemir als Erbe Cervantes’ tituliert, knüpft an eine lange Ahnengalerie literarischer Vorbilder an.

Nach Kaçans Erstling »Cholera Blues«, der im Istanbuler Milieu der mittellosen Händler und Handwerker, Prostituierten, Kleinmafiosi, Bettler, Räuber und Drogensüchtigen spielt und mit sarkastischem Spott über »Fundis« nicht spart, wirkt die Hinwendung zum Religiösen in »Haselnuss 8« auf den ersten Blick durchaus überraschend. Für diese Wendung gibt es aber sowohl in der Biographie Metin Kaçans und seines alter ego Meto als auch in der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung der Türkei deutliche Motivationen…

Ein Titel – viele Bedeutungen
Haselnuss 8 – Fındık Sekiz: Die teilweise atemberaubende Polyphonie der Bedeutungsebenen, die Kaçan in dem Roman entfaltet, läßt sich trefflich an seinem Titel illustrieren.

Das türkische Wort fındık bedeutet »Haselnuss« und ist über einen jahrtausendelangen Umweg aus dem lateinischen nux Ponticus »zum Schwarzen Meer gehörende Nuß« (selber abgeleitet von Pontus, dem lateinischen Namen des Schwarzen Meeres) bis in die Sprache der heutzutage die Schwarzmeerküste bevölkernden Türken gewandert. Knackig und lecker, wie sie ist, wurde die Haselnuß vom sprachlichen Ingenium des türkischen Slangs begierig aufgelesen und zum Adjektiv umetikettiert, das alles bezeichnet, was man zum Fressen gerne hat. Hier kommt dieses Eigenschaftswort nun vor sekiz, »acht« zu stehen. »Fındık Sekiz« ist also eine schnieke Acht, eine schnuckelige oder süße kleine Acht.

Diese Wortgeschichte präfiguriert gewissermaßen den verschlungenen Weg durch Sprachen, Gegenden, Kulturen und Menschenansammlungen, dem Metin Kaçan in seinem erzählerischen Werk folgt. Istanbul, fast ausschließlicher Handlungsort seiner Romane und Erzählungen, gilt als Sprachenschmelztiegel, und insbesondere das, was man auf deutsch wohl die »niedere Umgangssprache« nennen würde, hat sich in den letzten Jahrhunderten als außerordentlich aufnahmefähig für Elemente aus dem genuesischen Dialekt des Italienischen, dem Griechischen, Armenischen, Romani, Kurdischen, Persischen, Arabischen, Russischen, Deutschen und natürlich den Weltsprachen Englisch und Französisch erwiesen, um nur einige augenfällige Beispiele zu nennen. Doch mit der historisch rekonstruierten Lexikonbedeutung ist es im Falle von »Fındık Sekiz« nicht getan. Denn dieser Titel steht weniger für eine halbwegs klar durch Definitionen abgrenzbare Bedeutung als vielmehr für ein nach zahlreichen Seiten hin offenenes semantisches Feld…

Der Chor singt
im Hintergrund: »Dreh dir’n Joint!«

Ein Ausblick

Der Chor sang dazu:
„Ach, fände er
mal Zeit für sich
Ach, kämmte wieder 'nen Scheitel sich!“

Trotz der nahezu ein halbes Jahrhundert währenden massiven Präsenz von Türken in Deutschland, der Millionen von Deutschen, die jedes Jahr ihren Urlaub in der Türkei verbringen und einer Jahrhunderte zurückreichenden gemeinsamen türkisch-europäischen Geschichte ist die Begegnung zwischen beiden Völkern beiderseits immer noch weitgehend von Vorurteilen, Wunschbildern sowie Anhaftungen an als unverrückbar geglaubte religiöse Dogmen geprägt, die jeweils auf ihre Weise keine Zwischentöne in einer in schwarz und weiß eingeteilten Welt erlauben wollen. Die Sicht eines türkischen, von der islamischen Kultur getragenen und sich zu ihr bekennenden, zugleich aber nonkonformistischen Autoren kann den Blick für ebensolche Zwischenstufen öffnen, die es überall gibt und den das verbreitete Denken in bipolaren Kultur-Oppositionen mitunter versperrt. Insofern könnte »Haselnuss 8« ein Schritt hin zur Integrierung der türkischen Literatur in die Weltliteratur, zur Überwindung einer orientalisierenden – bzw. selbst-orientalisierenden, wenn von den Türken selbst gepflegten – Vision von türkischer Literatur als etwas per se irgendwie »anderem« beitragen.

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… und ein Einblick