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Wird Salih die Nachfolge des legendären Arap Sado antreten? Kann er bei der göttlichen Tina landen? Warum schminkt Tibi sein Pferd? Was soll der schwule Orhan aus seinem Leben machen? Wieso schlabbern die Fundis Fethis Hand ab? Wo ist die »Diamantmine« der Puma Zehra abgeblieben? Kann Friseur Ali den Knacks seiner Frau kurieren? Wird Salih das Monster von Cholera schnappen? Und was hat mit all dem die Statue eines polnischen Freiheitsdichters zu tun? |
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| Zum Autor | noch'n Buch von Kaçan | Texte | bonus tracks | zurück | |||||||
| Der 1990 erschiene Romanerstling des jungen Metin Kaçans avancierte zu einem der meistgelesenen und -verkauften Bücher in der Türkei. Scharenweise machen sich Leser auf die Suche nach den Originalschauplätzen dieser Geschichte um Liebe, Freundschaft und Verrat in den Altstadtvierteln von Istanbul.
Zentrales Thema ist das Scheitern der individuellen Revolte gegen ungerechte Verhältnisse, eingebunden in eine Mischung aus Sozialstudie, Kriminalgeschichte, Liebesdrama, Autobiografie und Adoleszenzroman. Und nicht zuletzt in die Beschreibung einer Epoche, des vielsprachigen und vielschichtigen Istanbul, das Neben- und Miteinander der Griechen, Juden, Aramäer, Romani, der großstädtischen Türken und der zugezogenen Dörfler, eine Mischung, die im Nivellierungsprozeß der letzten 20 Jahre verlorenzugehen droht. Harter Überlebenskampf, Armut, Gewalt und Verbrechen korrelieren mit Lebensfreude, Witz, Gerechtigkeitssinn, Freundschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl, Sentiment und dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Metin Kacan setzt dieser Epoche, diesen Leuten ein Denkmal, und gerade weil er über »seine Leute« und »sein Viertel« schreibt und das in der Sprache des Viertels, der Mischung aus zwanzig Sprachen, im Argot, gelingt es ihm, authentisch zu sein. Das vor allem führte zum Erfolg des Romans bei einem breiten Publikum. Kritik wie auch die Leser erkannten in der literarischen Fiktion ihre Geschichten, ihre Verhältnisse, ihre Stadt und die Geschichte ihres Landes. Begründet sich der Ruhm Yasar Kemals auf der Beschreibung der mittel- und ostanatolischen Bauern und Nomaden, so gelingt es Metin Kacan wie seit den Erzählungen Sait Faiks keinem zuvor, die altstädtischen Viertel Istanbuls mit hartem realistischen Strich zu zeichnen. Die auftretenden Figuren in all ihrer Tragik werden nicht literarisch überhöht und transzendiert. Die Münder der Poeten »stinken vor Hunger« und in den Straßen wird nicht gestorben, sondern »abgekratzt«. Das Brutale bleibt brutal, Dummheit wird als dumm gekennzeichnet und auch das Sentimentale, Verkitschte ist als Kitsch zu erkennen. Der Realismus des Erzählten wird durch einen ironischen bis schnoddrigen Unterton erträglich gemacht und bewahrt den Roman vor falschem Pathos und agitatorischer Schlichtheit. Mit Schlagfertigkeit und Mutterwitz entgegnet Kacan einer Heroisierung des Gangstertums, obwohl sein Romanheld Salih genau diesem Heldenbild des harten, aber gerechten Gangsters, des »echten Machos« nacheifert. »Cholera Blues« behandelt ineinander verschachtelt zentrale Topoi, die die türkische Gesellschaft beschäftigen. Als erstes ist da zu nennen das paternalistische Familienbild. Der Vater Ali ernährt die Familie, die Mutter versorgt den Haushalt und kümmert sich um die Kinder. Während der Vater am gesellschaftlichen Leben Anteil nimmt und auch mal einen Seitensprung mit Madame Eleni riskiert, hält er seine vom Dorf stammende Frau Imine mit erfundenen Schauergeschichten über das gefährliche Stadtleben von der Straße fern, um ungestört seinen Geschäften nachgehen zu können. Imine konzentriert sich neben dem Hausputz auf eine gesteigerte Liebe zu ihren beiden Söhnen, die bald krankhafte Züge annimmt. Der Vater versucht die Familie nach bewährten Methoden unter Kontrolle zu halten, was ihm immer weniger gelingt. Seine Söhne entziehen sich seinem Einfluß und seinen Befehlen und verlassen das Haus. Als seine Frau immer störrischer wird, versucht er sie durch Schläge und Medikamente »zur Vernunft« zu bringen – vergebens. Imine flüchtet sich in den Wahnsinn und bricht schließlich aus, indem sie nur mit einem Neglige bekleidet auf die Straße entläuft. Angesichts des Scheiterns seiner bürgerlichen Existenz wirft Ali seinen Hausrat aus dem Fenster und verbrennt ihn. Dem Frauentypus traditioneller Art gegenüber stehen die starken Frauen des Choleraviertels, die agir ablalar oder schweren Mädchen der Rotlichtszene, am stärksten charakterisiert in der Figur der Puma Zehra. Diese Frauen treten selbstbewußt gegenüber den Männern, aber auch den wohlanständigen, kleinbürgerlichen Frauen des Viertels auf. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund und beanspruchen ganz selbstverständlich ihren Platz in der von Männern beherrschten Welt. Puma Zehra ist eine anerkannte Größe des Viertels, sie fährt Motorroller und bringt den provinzlerischen Frauen ihres Viertels das Rauchen und Kartenspielen bei und wie man sich einen Liebhaber zulegt. Die Männer können nur zähneknirschend zuschauen, wie die Frauen die Zockercafes okkupieren und das alte Rollenverständnis ins Wanken bringen. Emanzipiert von diesem Rollenverständnis ist auch Salihs Geliebte Tina, die sich als Edelprostituierte von ihm nicht aushalten lassen will und darauf beharrt, ein selbstbestimmtes Leben ohne jede Rücksicht zu führen. Einer kritischen Betrachtung wird der allgegenwärtige Machokult unterzogen. Der überkommene Ausdruck tradierter Ehr- und Moralvorstellungen kollidiert zunehmend mit den Bedingungen und Möglichkeiten der modernen Großstadt. Der Romanheld Salih scheitert genau daran, daß er die Diskrepanz zwischen hohlem Anspruch und der Realität wahrnimmt. Ins Komische kippt der Machismo vollends in der Geschichte des Kaldaunenhändlers Tibi, der den Frauen abschwört. Dennoch ist er ein wichtiger sozialer Wert in einer sich verändernden Gesellschaft. In nur vordergründigem Kontrast zum Machokult steht der bedeutendste Nebenstrang der Erzählung: die Busenfreundschaft zwischen Salih und dem schwulen Orhan Tilki (Orhan der Fuchs). Auch wenn Salih auf die unzweideutige Aufforderung Orhans, mit ihm zu schlafen, mit aggresssiver Ablehnung reagiert, scheut er sich nicht, wenig später sein Leben zu riskieren, um Orhan aus der brennenden Werkstatt zu retten. Von den Taxifahrern, bei denen er sein Brot verdient, wird Orhan als Tunte verachtet und gleichzeitig heftig begehrt. Homosexualität ist ein Tabuthema der türkischen Gesellschaft. Kacan spricht ganz selbstverständlich von homosexuellen Kontakten in einer Machogesellschaft, die das allenfalls abfällig zur Kenntnis nimmt. Der beste Freund des Helden wird jedoch in sympathischer Weise dargestellt in seinem Kampf ums Überleben und seiner Suche nach wahrhafter Liebe. Der unverhohlene Spott Metin Kaçans gilt den islamischen Fundamentalisten, den scheinheiligen Frömmlern, die nur mühsam ihre Gier und Beschränktheit verbergen können. Den beschränkten Eiferern stellt er die Figur des aufgeklärten Muezzins entgegen, der sich den Aberglauben der Fundis zunutze macht, diese zu den blödsinnigsten Handlungen zu verleiten, um sich für die Repressionen einer engstirnigen Geistlichkeit zu rächen. Angeprangert wird die korrupte und brutale Polizei, deren Angehörige weniger dem Gesetz verpflichtet sind als vielmehr ihre Macht willkürlich und für persönliche Zwecke einsetzen, wobei sie einvernehmlich mit der Mafia zusammenarbeiten. Schlußendlich ist dieses Buch eine großartige Liebeserklärung an die Musik der türkischen Roma, eine Musik, die einen in ihrer Expressivität nicht mehr losläßt, der Soundtrack einer Welt abseits von bürgerlicher Langeweile. "Those Were The Days", der Rock`n Roll-Klassiker ist ein Traditional der türkischen Roma. Diese Musik ist allgegenwärtig, sie gibt den Rhythmus eines turbulenten Lebens vor. Schon der Titel des Buches im Original »Agir Roman« verweist auf dieses Leitmotiv. Doppeldeutig heißt er zum einen »schwerer, schwieriger Roman«, zum anderen auch »Harter Roma, schwerer Junge«, von Roman, der Selbstbezeichnung der türkischen Roma, sonst abfällig als Cingeneler, Zigeuner, bezeichnet. Noch deutlicher wird diese Ehrerbietung in der Verfilmung des Buches, in der der im Buch vorkommende Ayhan der Fisch sich selbst spielt. Diese Musik begleitet Hochzeiten wie auch eine Messerstecherei, zu der die Trommel Ayhans die Choreografie liefert. Ach ja: Es gibt auch Fußball… nach oben |
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