Metin Kaçan: Stimme der underdogs
Metin Kaçan wurde 1961 in Kayseri geboren. Im gleichen Jahr zog die Familie nach Istanbul in den Stadtteil Dolapdere, wo der Vater einen Friseurladen eröffnete. Kaçan arbeitete als Autoschlosser, Zimmermann und Blechschmied und gründete im Alter von 16 Jahren seine eigene Gang, die »Weißen Handschuhe«. Nachdem die letzten Mitglieder der Gang getötet wurden, begann er mit dem Schreiben. 1988 gab er mit Kurzgeschichten in der Zeitschrift »Mizah« sein literarisches Debüt.

Sein erster Roman »Cholera Blues« (im Original »Agir Roman«) erschien 1990 und avancierte in der Türkei zum Bestseller. 1995 schrieb er das Drehbuch zu »Agir Roman«, der Film kam 1997 in die Kinos. Gemeinsam mit Kemal Aratan gab er »Istedikleri Yere Gidenler« – Erzählungen von Straßenkindern über ihr Leben – heraus. 1997 veröffentlichte er »Haselnuss 8« (im Original »Findik Sekiz« und 1999 »Harman Kaplan«. 2002 erschien der Erzählband »Adalara Vapur«. Zeitweilig arbeitete Metin Kaçan als Verlagslektor. Nach einem bis heute nicht geklärten Vergewaltigungsvorwurf und einer Verurteilung wegen Drogengebrauchs sitzt er derzeit eine Haftstrafe ab.

Die starke autobiographische Note seines literarischen Schaffens, die street creditibility seiner Person trug ihm die Liebe seines Publikums, aber auch die heimliche oder auch offene Ablehnung der etablierten literarischen Szene ein.

»Natürlich erregt der Roman großes Aufsehen, erhält insbesondere aufgrund seines Spiels mit den Strukturen der türkischen Sprache verdientes Lob und hat als Meisterwerk auch zehn Jahre nach seinem Erscheinen noch Bestand. Als jedoch sein Autor (geb. 1961) in ein Verfahren wegen Körperverletzung verwickelt wurde, finden seine heimlichen Kritiker endlich eine Gelegenheit festzustellen, dass von jemandem, der ein solches Buch schreibt, ›alles zu erwarten‹ sei. Der Widerspruch ist herrlich: Diese strikten Fans westlicher Literatur verbannen auch einen Jean Genet mit seinem umfangreichen Strafregister nicht aus der Literatur, sondern lesen mit Genuss ›Celine‹ und die darin ebenso düster geschilderte Finsternis. Da die Siedlung ›Cholera‹ jedoch aus ihrem realen Leben nicht vertreiben lässt, jagt man den Autor dieser Geschichte. Dabei gilt der eigentliche Widerwille nicht Metin Kaçan, sondern dem varos, dem er entstammt und dessen Bewohnern, die er gut kennt. Und sie sind leider gezwungen mit beiden zu leben.«

Sirma Köksal in: »Self Service City: Istanbul«. Berlin: b_books 2005

»Agir Roman can certainly not be seen as an objective describtion of life in Dolapdere in the sixties. It may not even accurately reflect the views of its inhabitants. albeit written mostly in prose, is closer to poetic language than to descriptive diction. There are numerous allusions to the poetical nature of the work in Agir Roman. Most strikingly, perhaps, that nature is symbolized by the ›poets‹ (Sairler), tramps who use any opportunity to turn any event in Kolera into material for their verses and do not hesitate to recite the results before the public. To them, life, although bitter and cruel, is only the background for their creative activities. Agir Roman is a further step away from traditional Turkish realism, as represented by writers such as Yasar Kernal or Fakir Baykret, towards a freer literary treatment of reality. And the special feature of Agir Roman is that the novel seems to go back to reality: life and work form a unity again.

Michael Hess, Uppsala 1998

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