Spätestens seit Veröffentlichung der ersten PISA-Studie ist die Misere an deutschen Schulen kaum noch zu übersehen. Gerade in sogenannten »Problemvierteln« scheitern sie häufig an ihrem Bildungs- und Integrationsauftrag. Bereits zu Beginn der 90er Jahre führte Helga Dagyeli-Bohne in einer Nürnberger Schule mit hohem Migrantenanteil Schulprojekte zu interkulturellem Literaturunterrichtunterricht durch. Anhand des Werkes von Yasar Kemal wurden die Schüler an Themen wie Multikulturalität und kulturelle Identität herangeführt.

Nach einer literaturwissenschaftlichen Analyse in Band I beschäftigt sich die Autorin in Band II mit der Umsetzung in den Deutschunterricht. Vor dem Hintergrund eines Paradigmenwechsels in der Pädagogik werden im literaturdidaktischen Teil die theoretischen Grundlagen gelegt für die sich anschließenden vier Unterrichtsprojekte. Jedes Unterrichtsvorhaben wird genau dokumentiert; die im Kreativen Schreiben und im produkt- und handlungsorientierten Unterricht entstandenen Schreibentwürfe der Heranwachsenden werden anhand eines Evaluationsleitfadens ausgewertet.

In vielen Einzelheiten ermöglicht das Buch dem Leser nachzuvollziehen, wie Jugendliche im Unterricht sprachlich, literarisch und damit auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung dadurch gefördert werden, daß sie sich aktiv mit dem Werk des Autors auseinandersetzen. Sie schreiben z.B. einen Brief an den Autor, der beantwortet wird, lassen sich anregen zu eigenen Schreibversuchen, setzen Teile eines Romans in Hörzenen um, vergleichen Texte Kemals mit einem Paralleltext aus der Romantik sowie den Texten der Klassenkameraden. Die Autorin macht zahlreiche Vorschläge, wie man Lesefreude bei jugendlichen Lesern wecken bzw. erhalten, ihre Motivation fördern und damit ihre Kompetenzen im Fach Deutsch verbessern kann. Wie wichtig gerade dies ist, haben uns die jüngsten Studien zur Lesekompetenz Jugendlicher drastisch vor Augen geführt. Der Band enthält zahlreiche Anregungen für den Literaturunterricht und fächerübergreifende Projekte. Das Werk Yasar Kemals, so wie es in den zwei Bänden der Autorin vorgestellt wird, ist in hohem Maße für den Unterricht geeignet, um Lernenden vor Augen zu führen, wie sinnstiftend die »Erzählung« Postmanscher Prägung sein kann, von der die Autorin zu Beginn ausgeht.

Helga Dagyeli-Bohne
»Literatur im interkulturellen Sprachunterricht«
Bd. II: Literaturdidaktik
und Projektarbeit

300 Seiten, kart.
€ 26,00
ISBN 978-3-935597-41-8

Zu Band I: Yasar Kemal – Sänger der Cukurova
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