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Uchqun Nazarov »Das Jahr des Skorpions«
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| Uchqun Nazarov wurde 1934 in der Altstadt von Taschkent als Sohn eines gebildeten polyglotten Vaters und einer nahezu illiteraten Mutter geboren. Er ist Schriftsteller und Filmautor. In Taschkent und Moskau wurde er als Kinoregisseur ausgebildet. Seit den 60er Jahren schreibt er Erzählungen, Romane und Drehbücher auf uzbekisch und russisch. Für Uzbekfilm hat er als Kinoregisseur mehr als zehn Filme gedreht (darunter »Qiz va Bola«, 1968; »Karvon«; »Uch qirol jangi«; »Qo'qon vokeasi«; »Sabot« und »Olovli sohil«). Sein erster Film war »Surayyo«, der auf seiner Erzählung »Odamlar« (»Menschen«) basiert, die Anfang der 60er Jahre in Taschkent erschien und heftige Reaktionen hervorrief. In ihr portraitierte Uchqun eine Ehebrecherin. Seitdem, so sagt er, ist die Lage von Frauen in Uzbekistan sein Hauptthema, da man an ihr erkenne, wo eine Gesellschaft stehe. In den letzten Jahren kann Uchqun Nazarov aufgrund der politischen Situation in Uzbekistan nichts mehr veröffentlichen, auch Beiträge für literarische Zeitschriften scheitern an der Zensur. Dennoch wurde »Das Jahr des Skorpions« 2005 in usbekischer Sprache wieder neu aufgelegt. |
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| Uchqun Nazarov zusammen mit seiner Übersetzerin Ingeborg Baldauf in Berlin 2002 Foto: G. Baldauf |
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| Stimmen zum Buch:
»Keine Frage, dieser Autor polarisiert: Gleich in den ersten scheinbar idyllischen Landschaftsbeschreibungen schimmert die Not der Bewohner durch; gleich zu Beginn kommt die Rede auf Brotmarken-Knappheit und andere Insignien realsozialistischen Mangels. Und genau hierin unterscheidet sich der usbekische Autor Uchqun Nazarov vom Mongolen Galsan Tschinag, den man im selben Atemzug nennen könnte, widmen sich doch beide den Umbruch zur Moderne... Ohnmacht regiert in des ›Skorpions‹ Umgebung, animalisch fast. Daneben wuchert Aberglaube: Sogar der ›Skorpion‹ lässt seine Blutvergiftung lieber von einer Heilerin als vom Arzt behandeln. Abgründe offenbart der großteils in Taschkent spielende Roman. Für die usbekische Gesellschaft ein zweifellos wichtiges Element der Geschichtsverarbeitung: Das Buch war in Usbekistan sofort vergriffen. Zudem versteht sich Nazarov als Autor, der als Mahner zu fungieren hat...« Petra Schellen in taz Hamburg 21.11.2002 »Ruhepole zwischen den vielen Dialogen und die in sie hineinmontierten Beobachtungssequenzen in Nazarovs Roman sind längere Zimmerbeschreibungen, in denen kurz auch ein ganz anderes Leben möglich scheint. Zufluchtsorte: Die Dinge haben hier noch ihren Platz, sie garantieren so etwas wie Dauer und Bestand, während die Menschen in der Ordnung auf Besucherstatus herabgesetzt sind. Die meisten von Nazarovs Hauptfiguren sind Frauen. Die Missstände einer Gesellschaft, sagt er, seien daran zu erkennen, wie mit Frauen umgegangen werde.« Matthias Echterhagen in taz vom 18.04.2002 Der Verlag nennt Das Jahr des Skorpions »ein Sittengemälde« der usbekischen Gesellschaft zur Zeit des zweiten Weltkrieges. Das hört sich so an, als seien solche menschlichen Gemeinheiten typisch usbekisch. Ein Sittengemälde bietet sich jedoch durch die Schilderung vieler Sitten und Bräuche, zum Beispiel der Hochzeitsbräuche und Totenzeremonien. Uchqun Nazarov erzählte während seiner Buchlesung in Berlin, dass alle seine Bekannten prophezeit hätten, dass er einmal Pferdezureiter werden würde. Gut, dass er es nicht geworden ist, denn dann gäbe es dieses interessant-exotische Buch nicht. Gisela Reller / www.reller-rezensionen.de |
»Eigentlich ist es das Hasenjahr«, sagte die alte Frau ungerührt. »Skorpionjahr Schreckensjahr könnte man auch sagen. In jenem Jahr haben sie zuerst deinen Bruder eingesperrt, dann ist dein Vater beim Kanalbau umgekommen. Als er im Sterben lag, sagte dein Vater, es ist ein Skorpionjahr. Warum er das gesagt hat, habe ich nicht erfahren, dein Vater konnte nicht mehr weitersprechen. Entweder hat er sich geirrt, oder er hat es absichtlich so gesagt. Da ist ein Sinn dahinter. Der Skorpion sticht, auch wenn du ihn nicht anrührst. Das ist so seine Gewohnheit.« |
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»Der Krieg, der so vielen Menschen Leid, Unglück und Tod brachte, schüttete über Murod Khoja sein Füllhorn aus. In gewissen Kreisen stieg sein Ansehen noch höher, man fing an, ihn zu den höchstrangigen Gastgelagen einzuladen. Bei einem dieser Gelage machte er die Bekanntschaft eines hohen Funktionärs aus dem Militärkommissariat der Republik. Sie wurden dicke Freunde, gingen in den militärischen Sperrgebieten von Chirchiq und Chinoz gemeinsam auf Jagd, feierten feuchte Feste. Auch Weibergeschichten waren dabei. Was das Wichtigste war: was Murod Khoja sagt, das gilt, was er will, das zählt. Wenn er einen vor dem Kriegsdienst bewahren will, kann er das, und wen er nicht mag, den kann er glatt an die Front schicken lassen…« |
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»Hoshimjons Leben hatte eine entscheidende Wendung genommen. Er ist jetzt der Schwiegersohn eines Herrn wie Murod Khoja, ein echtes Familienmitglied, und auf der Straße neigen Bekannte und Unbekannte sogar von der anderen Seite herüber zum Gruß den Kopf. Er muß nicht in den Krieg, er lebt gut, was will ein armer Schlucker, ein Waisenkind eigentlich mehr! Und trotzdem war der Platz, an dem sich Hoshimjon von allen am unwohlsten fühlte, sein eigenes Haus, denn dort fühlte sich der junge Mann nichtsdestoweniger wie ein Hund, den man aufgenommen hatte und durchfütterte, und wenn es irgend ging, vermied er es, Wau zu sagen. Nicht nur, daß er es vermied er wußte nur zu gut, daß er mit einer falschen Bewegung, mit einem falschen Wort das Wohlwollen seines Schwiegervaters und damit sein Dasein in diesem Haus verscherzen konnte, und wenn sein Schwiegervater nur pffft sagte, würde er hinausfliegen. Egal, wieviel Güte Herr Murod Khoja ihm erwiesen hatte, Hoshimjon mochte ihn in seinem tiefsten Inneren nicht leiden.« |
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| »Ich werde euch jetzt was sagen! Vor deinem Gefäng- nis habe ich keine Angst, droh mir nicht, Schnauzer! Du hast die ganze Familie ruiniert, bist jetzt auch noch scharf auf ihren Hof? Du Gottloser! Hau ab von hier! Der Schlüssel ist weg, ich habe ihn in die Jauchegrube geworfen, dort kannst du ihn dir suchen!« »Lassen Sie das, Herr Shukur, was wollen Sie einem alten Weib anhängen?«, sagte der Mann, der zuerst geredet hatte. »Wir haben Zeugen, wir brechen einfach das Schloß auf und fertig.« »Ja, brecht es auf! Zündet alles an!« kreischte Frau Shamsi noch lauter. »Schickt die Asche zum Himmel! Habt ihr sie noch nicht genug gequält, jetzt reißt ihr euch auch noch ihren Hof unter den Nagel!. Euch wird alle der Fluch treffen! Ihr werdet in der Hölle schmoren!« |
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| Bericht zu Usbekistan bei »3Sat«
Interview mit Uchqun in der »Zeit« 2005 |
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