Anatolij Kim »Das Zwiebelfeld«
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»Im ›Zwiebelfeld‹ geht es um die Einheit des Lebens, die Aussage besteht indes darin, daß wir diese ewige und unendliche Einheit, die reale Unsterblichkeit durch Pawel erreichen, von diesem Ausgangspunkt aus. Kim wendet sich an die Menschheit in Pawel und er findet das Gesuchte in dessen kranker Seele. Er findet es, denn solange der Mensch lebt, sind in ihm andere Menschen vertreten, und dieses Vorhandensein anderer Leben in ihm macht ihn zum Menschen…«

Vitali Kamyschew

Wie aktuell muß ein Roman sein, um ein Psychogramm einer gegenwärtigen Gesellschaft zu erstellen?

»Das Zwiebelfeld« wurde von Anatolij Kim im Jahre 1977 fertig gestellt und liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor. Rußland durchlebt die Phase eines Raubtierkapitalismus, der durch einen bonapartistischen Staatsapparat weniger gebremst denn in eine ihm politisch genehme Richtung gedrängt wird. Die seelischen und moralischen Beschädigungen der Afghanistanveteranen sind noch nicht verarbeitet und der Tschetschenienkrieg reißt wieder neue Wunden. Straßenkinder betteln um Brot und alte Frauen und Männer mit Kriegsorden sitzen in den Unterführungen und verkaufen Streichhölzer. Was erfahren deutsche Leser über ein Land und seine Bewohner durch ein Buch aus längst vergangener Sowjetzeit?

Der 1937 geborene Anatolij Kim, dessen koreanische Eltern von Sachalin nach Kasachstan zwangsumgesiedelt wurden, erzählt die Geschichte des einfachen Moskauer Jungen Pawel, dessen freudlose Kindheit von den Schrecken und Entbehrungen des Krieges geprägt ist. Der Vater, ein wunderlicher Philosoph und Büchernarr, verläßt die Familie, um über das Leben nachzudenken. Pawels Onkel, der als Direktor in der Rüstungsindustrie arbeitet, nimmt den Jungen zweimal bei sich auf. Die Familie lebt im Wohlstand, Frau und Sohn haben sich als ausgewachsene »Krokodile« entpuppt, die später, als der Onkel herzkrank zu Hause liegt, sich nicht einmal mehr Mühe geben, ihren Egoismus zu verbergen. Pawel ist angewidert von der Atmosphäre kleinbürgerlicher Raffgier und verläßt das Haus des Onkels. Er schließt sich Datschenräubern an und beginnt zu trinken. Später arbeitet er an den Moskauer Baustellen. Während eines Jugendfestivals begegnet er einer fremden Schönheit und verliert sie sogleich im Gewühl. Seine hehren Hoffnungen, der Enthusiasmus der Aufbauphase verflüchtigt sich. Der Trinkerei wegen wird er seine Arbeit los. Pawel gerät an eine Frau, die nur noch in der Erinnerung an ihre Jugendliebe, die der Krieg ihr genommen hat, lebt. Sein Leben mit ihr ist ihm gleichgültig, daß sie ihn verläßt, ebenso. Pawel kehrt der Stadt den Rücken und stromert durchs Land, getrieben vom Verlangen nach der nächsten Flasche. So landet er in der Sowchose am Asowschen Meer, als Wächter des Zwiebelfeldes. Auf seinem Weg begegnet er Menschen gleich ihm, deren Seelen vernarbt sind von den Wunden, die das unbarmherzige Leben ihnen geschlagen hat.
Da ist die Saisonarbeiterin Nina, die ihren prügelnden Ehemann verlassen hat und Pawel drängt, mit der Sauferei aufzuhören. Shenja aus Tula, die Schieberin aus Not, die zur Zwangsarbeit in den Hohen Norden verurteilt wurde und ihren kleinen Sohn im Kinderheim lassen mußte. Als sie ihren Sohn wiederfindet, ist der ein verängstigter Bursche, der ob seiner Homosexualität geschlagen und gedemütigt wird und den sie vor anderen und sich schützen muß. Der erfolglose Maler, der sich in einer Möbelfabrik durchschlägt und seinem Kriegstrauma in immer gleichen Bildern von Wolken und brennenden Flugzeugen Ausdruck verleiht. Die vor der Zeit verhärmte Ljuba, deren Mann nach einem Unfall den Verstand verliert, ackert auf dem Zwiebelfeld, um sich den Traum von einem kleinen Häuschen zu erfüllen.
Kontrastiert werden all die erzählten Schicksale von einer merkwürdigen, rätselhaften, faszinierenden Natur, die immer wieder ihre magischen Momente entfaltet und gleichsam ein Spiegel der sie bevölkernden Menschenwesen ist.
Deren innere Monologe und verzweifelten öffentliche Bekenntnisse verfließen mit der Stimme des Erzählers zu einem dramatischen Lebenslied, dem eine eigentümliche, wenn nicht die Schönheit innewohnt.
Der Schriftsteller Kim verbindet das Schicksal Pawels mit dem seinen; er, dessen früheste Erinnerung der traurige und stinkende Zug in die kasachische Verbannung ist. Für Anatolij Kim sind sie Sternenbrüder, jeder Mensch in den anderen Menschen, den lebenden wie den toten aufgehoben. Für ihn gewinnt der Mensch seine Unsterblichkeit in dem Bewußtsein, ein Teil jener unendlichen Kette in der Noossphäre zu sein, in der es nie ein fremdes Leid geben kann.
Diese Hoffnung und dieser Glaube sind es, die den Zumutungen von Machtgier, Verrohung, geistiger und materieller Korruption und Zynismus widerstehen. Im Neuen wiederholt sich das Alte und jeder Mensch hat das Recht auf sein Leben.

»Ich kann nun mal nicht zustimmen, daß Menschen wie du ›Gedöns‹ sind, daß man sie also wie Holz in einen Ofen stopfen und anzünden kann, um dann mit dem Feuerhaken in der Asche zu stochern.«

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