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Es fing alles mit einer Nase an. Der von Sultan Abdülhamit II. (1842 1918) nämlich. Der hasste Anspielungen auf sein formidables Riechorgan derart, dass er selbst das Wort Nase durch die Zensur komplett verbieten ließ. Eine Steilvorlage für die Meister des spitzen Stiftes. Die Nase des Sultans avancierte zum meistgezeichneten Sympol gegen Zensur und absolutistische Herrschaft im untergehenden Osmanischen Reich. | |||||||||||||||||
| Sultan Abdülhamit sollte nicht der letzte türkische Machthaber sein, der unter dem Spott der Zeichner zu leiden hatte. Der amtierende Ministerpräsident Erdogan schickte die Justiz vor, weil er sich beleidigt fühlte. Die Beleidigungsparagraphen des Strafgesetzbuches sind für Cartoonisten immer noch ein Problem. | ||||||||||||||||||
| Dennoch oder gerade deswegen nimmt die türkische Satire eine zentrale Stellung innerhalb der kritischen Publikationen ein. Aufs Korn genommen wird so ziemlich alles, was sich sonst in der Tagespresse nur selten findet: die Rückständigkeit der Dörfler, das übermächtige Militär, autoritäre Familienstrukturen, prügelnde Polizisten, mafiöse Politiker, Gewalt gegen Frauen, Kinder und Minderheiten, sich wandelnde Moralvorstellungen, Cyberwahn, Fundamentalisten und Faschisten, die Orientalismen des Westens und die Stereotypen über den Westen. Und natürlich ist das Bush-Bashing ungebremst beliebt. An Bissigkeit und Radikalität lässt sich die türkische Karikaturistenszene nicht übertreffen. Der gesellschaftliche Diskurs wird maßgeblich über die wöchentlich oder monatlich erscheinenden Satireblätter wie die Kolumnen und Karikaturen der Tageszeitungen geprägt. | ||||||||||||||||||
| Stilistisch ist die türkische Karikatur ausdifferenziert und lässt Einflüsse aus der französischen "Fluide Glacial", amerikanischem underground a' la Robert Crumb und dem reduzierten britischen oder arabischen Cartoon bis hin zur Graphic Novel erkennen. Auffallend ist der Hang zu einer gewissen Textlastigkeit und komplexen Geschichten. | ||||||||||||||||||
| Sabine Küper-Büsch/Nigar Rona (Hrsg.) »Die Nase des Sultans. Karikaturen aus der Türkei« mit Essays von Akdağ Saydut, Ali Akay, Nigar Rona, Izel Rozental undSabine Küper-Büsch zweisprachig deutsch/türkisch 978-3-935597-68-5 |
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| Einer eigenen Betrachtung wert wäre die starke Affinität zwischen Comic und Literatur. So ist einer der Protagonisten in Metin Kaçans "Cholera Blues" passionierter Karikaturist. Kaçan selbst hat einen Erzählband gemeinsam mit einem Comiczeichner veröffentlicht. Umgekehrt findet sich in türkischen Buchläden das "Epos vom Befreiungskrieg" von Nâzim Hikmet im klassischen Comicalbenformat. | ||||||||||||||||||
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| Zurück zur "Nase des Sultans". Nach einer theoretischen Einführung über die Bedeutung der Karikatur in der osmanischen und türkischen Geschichte durch Akdağ Saydut analysiert der Soziologe Ali Akay die Art des Humors der Karikaturen innerhalb der kritischen Publikationen in der Türkei. Nigar Rona geht der Bedeutung dere Zeitschrift Gırgır (Spaß) auf den Grund. Gırgır entstand in den Wirren der Siebziger und war weltweit auf Platz drei der erfolgreichsten Satirezeitschriften. Izel Rozental kommentiert den Karikaturenstreit. Sabine Küper-Büsch findet Parallelen und signifikante Unterschiede in der Form und Funktion von Karikaturen im internationalen Vergleich. Reziprok zur Wichtigkeit von Sex und Islam in den türkischen Karikaturen ist Sex und Kirche das Thema in Lateinamerika. Staat und Partei sind Rahmen und Thema russischer Karikaturen, die personifizierte Anarchie das Gewand von Karikaturisten in Deutschland und Frankreich.. Vorgestellt werden Karikaturisten, die in der Türkei Klassiker sind: seit den 1950ern wirkende Zeichner wie Turhan Selçuk, Tan Oral und Semih Balcıoğlu bestechen durch intellektuelle, künstlerische Darstellung und Manifestationen von Prozessen des Wandels etwa der Metropole İstanbul, deren Folgen die Themen der heutigen Karikaturisten sind. Prominente Zeitungskolumnisten wie Latif Demirci, Ercan Akyol, Emre Ulaş, starke Frauen wie Ramize Erer und Piyale Madra, Zeichner der zentralen Satirezeitschriften “LeMan”, “Penguen” und „Uykusuz“, die Erschaffer von Cartoon-Klassikern wie “Ayşegül im Krieg” von Kemal Gökhan Gürses bilden die Spitze der zeitgenössischen türkischen Karikatur. |
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| Die »Nase des Sultans« stellt in Deutschland erstmals die junge zeitgenössische Karikaturenszene der Türkei vor. Gleichzeitig werden die historischen Wurzeln der Entstehung der Satire in der Türkei in ihrer Auseinandersetzung mit Europa im 19. Jh. verfolgt. Kaum überraschend: auch der aktuelle Karikaturenstreit hat seine Wurzeln in der Geschichte und der provokativen Natur der Satire. Die »Nase« wird zu einem komplexen Symbol. Ihr Zusammenhang wird der Leserschaft zweisprachig auf Türkisch und Deutsch präsentiert. | ||||||||||||||||||
| Noch mehr Bilder | ||||||||||||||||||
| Wollten Sie schon immer mal wissen, wie es bei den türkischen Karikaturisten zugeht? Hier unser Bericht aus Istanbul. | ||||||||||||||||||
| Noch mehr Text | ||||||||||||||||||
| Die Ausstellung zum Buch ist im Museum der Weltkulturen in Frankfurt/Main vom 09.08. 16.11. zu besichtigen. Die »Nase des Sultans« ist ein Projekt von Diyalog e.V. in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung Istanbul. | ||||||||||||||||||
| Blick ins Buch | ||||||||||||||||||